Drei mal sieben: Fremdsprachenlehre im Hochschulbereich trifft auf die Neurowissenschaften

Umgesetztes Projekt

Ziele

There can be few questions more important, for the 21st century to find good answers to, than: how the brain works, how people learn best, and what educational provision can best help them.
(OECD, 2002, p. 86)

“Possibly the classroom model of learning is ‘brain-unfriendly’?”
(OECD, 2002, p. 10)
 

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich der Lernforschung bringen die Verheißung mit sich, den Lernprozess nicht nur effektiver, sondern auch angenehmer zu gestalten. Dieses Ziel wäre durch die Kenntnis und Nutzung des Zusammenspiels kognitiver, emotionaler und physiologischer Aspekte des Lernens und entsprechender Lehrmethoden erreichbar, lautet das Credo der sich zu Beginn des neuen Jahrtausends entwickelnden „New Learning Science“, auch „Educational Neuroscience" genannt.

Auf diesen Erkenntnissen beruhende Lehrmethoden, einschließlich kooperativer Lehr- und Lernformen, werden seit mehreren Jahren in den Englisch-Lehrveranstaltungen am Studiengang Industrial Design der FH JOANNEUM University of Applied Sciences umgesetzt, evaluiert und optimiert.

Kurzzusammenfassung

„Drei mal sieben: Fremdsprachenlehre im Hochschulbereich trifft auf die Neurowissenschaften“ ist ein Konzept, das unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse der Gehirnforschung den Fremdsprachenerwerb im tertiären Bildungsbereich optimieren soll. Daher wurden Konzepte aus der Neurologie, der Kognitionsbiologie, der Psychologie und anderen Disziplinen in das Lehrkonzept „Drei mal sieben“ einbezogen, um für die Studierenden eine Lernerfahrung zu schaffen, die stimulierend und nachhaltig, herausfordernd und vergnüglich ist.

Die Zahl „Drei“ steht für die Grundkompetenzen, die der Fremdsprachenlehre am Studiengang Industrial Design zugrunde liegen: Spracherwerb, kommunikative Fähigkeiten und fachspezifische Kenntnisse. Die Zahl „Sieben“ symbolisiert für die Sprachlehre relevante Erkenntnisse der Gehirnforschung und daraus resultierende Lehr- und Lernmethoden.

In der nun folgenden Konzeptbeschreibung soll besonderes Augenmerk auf den Stellenwert von kooperativen Lehr- und Lernformen innerhalb dieser durch neurowissenschaftliche Forschungen unterstützten Hochschuldidaktik gelegt werden.

Nähere Beschreibung

DAS KONZEPT

„Drei mal sieben: Fremdsprachenlehre im Hochschulbereich trifft auf die Neurowissenschaften“ ist ein lehrveranstaltungsübergreifendes didaktisches Konzept im Bereich „Englisch“ am Studiengang Industrial Design an der FH JOANNEUM University of Applied Sciences Graz.

Die Zahl „Drei“ steht, wie bereits erwähnt, für die Grundkompetenzen, die der Fremdsprachenlehre an diesem Studiengang zugrunde liegen: Spracherwerb, kommunikative Fähigkeiten und fachrelevante Kenntnisse. Die Zahl „Sieben“ symbolisiert die für die Sprachlehre relevanten Erkenntnisse der Gehirnforschung. Standen in der Vergangenheit kognitive Aspekte im Zentrum der Lernforschung, so haben die Neurowissenschaften nun den Fokus verändert: Das Zusammenspiel kognitiver, emotionaler und physiologischer Aspekte ist als wichtig für den Lernerfolg erkannt worden.

Im Kontext der Lehr- und Lernforschung definieren Arends und Kilcher fünf zentrale Erkenntnisse der Gehirnforschung (2010, S. 39):

  • “Brain growth and changes in neural networks: Learning changes the physical structure and functional organization of the brain.
  • Differentiated development: Different regions and lobes of the brain support different functions and develop differently; cognitive functions seem to be differentiated.
  • Knowledge storage and meaning: New information enters the brain more efficiently when it is connected to what students already know and when it has personal meaning.
  • Role of emotion and feelings: Emotion and feelings are connected in several ways and greatly influence both learning and cognition.
  • Brain filtering: The brain filters what to attend to and what to ignore.”

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend empfehlen die Autoren unterschiedliche Strategien, um den Lernerfolg der Studierenden zu optimieren, so etwa Lehrinhalte auf vielfältige Weise zu präsentieren, eine Verbindung zu bereits Gelerntem herstellen, die Studierenden bei der Individualisierung der Lernmaterialien zu unterstützen oder eine positive, angstfreie Lernumgebung zu schaffen.

Zwei weitere zentrale lernfördernde bzw. -hemmende Punkte sind Aspekte der Lernumgebung sowie physiologische Aspekte. Die Lernumgebung wird unter anderem durch Lärm, Licht oder den Karbondioxidgehalt der Luft definiert. Für das Lernen relevante physiologische Aspekte sind die Ernährungs-, Schlaf oder Sportgewohnheiten der Studierenden. 

DIE LEHRVERANSTALTUNGEN

Alle Englisch-Lehrveranstaltungen enthalten Aktivitäten, die auf die Entwicklung der drei Grundkompetenzen abzielen. Die Auswahl und Vermittlung des zu Lehrenden basiert auf den sieben erwähnten Erkenntnissen der Gehirnforschung für gute Lehre und optimales Lernen.

Am Beginn des Studiums steht der Erwerb der Grundfertigkeiten. Die Lehrveranstaltungen der ersten beiden Semester zielen einerseits darauf ab, die unterschiedlichen sprachlichen Vorkenntnisse der Studierenden auf ein – annähernd – gleiches Niveau zu bringen. Aber auch allgemeine Fertigkeiten für das Erlernen einer Fremdsprache und für das Studium selbst werden vermittelt. Durch die vielfältige Gestaltung der Lehrmaterialien sollen die fachlich schwächeren Studierenden gefördert, die fortgeschrittenen jedoch gefordert werden.

Die Lehrveranstaltungen höherer Semester befassen sich unter anderem mit dem englischen Schriftverkehr, dem Bewerbungsprozess, Kreativitätstechniken, Designphilosophien bekannter Unternehmen, Präsentationstechniken oder dem Erwerben der Fähigkeiten, an englischen Besprechungen und Verhandlungen teilzunehmen. Studierenden wird, soweit als nur möglich, ein individueller Zugang zum Lernmaterial ermöglicht (etwa durch die Auswahl der Präsentationsthemen oder der Praktikumsstelle zu Übungszwecken im Bewerbungsprozess). Wiederholungen des in der letzten Lehrveranstaltung Gelehrten zu Beginn sowie kurze Zusammenfassungen am Ende jeder Einheit sollen helfen, das Gelernte besser zu verarbeiten. Aber auch die von Arends und Kilcher empfohlenen Strategien „Stories“ und „Music“ kommen zum Einsatz, um Studierende auf neue Themen einzustimmen und somit die Filterfunktion des Gehirns positiv zu beeinflussen.

Weitere Elemente der Lehrveranstaltungen, wie etwa Exkursionen zu TED-Events, das gemeinsame Lesen von Büchern oder der Besuch englischer Theaterstücke, motivieren die Studierenden, sich über das Ausmaß der Lehrveranstaltungen hinaus mit der englischen Sprache zu beschäftigen. Die Kooperation mit dem Design-Semesterprojekt sowie die jährlich stattfindende Studiengangsexkursion zu Designstudios, Unternehmen und Museen liefern wichtige Impulse für den Praxisbezug der Lehrveranstaltungen. 

KOOPERATIVE LEHR- UND LERNFORMEN

Folgende Fragen sollen in Bezug auf kooperative Lehr- und Lernformen innerhalb des didaktischen Konzeptes „Drei mal sieben“ beantwortet werden:

1. Wie werden diese Lehr- und Lernformen definiert?
2. Welche Vorteile bringen diese Lehr- und Lernformen den Studierenden?
3. Warum spielen sie im Konzept „Drei mal sieben“ eine zentrale Rolle?
4. Wer sind die Akteure?
5. Wie werden diese Lehr- und Lernformen eingesetzt?

1. Definition
"Think, pair, share" (individuelles Erarbeiten, darauf folgend der Austausch in Kleingruppen und schließlich die Präsentation vor der Gruppe), in Kombination mit einer positiven Lernumgebung, in der die Akteure voneinander abhängig sind, und einer abschließenden Reflexions- und Evaluationsphase findet sich in der Literatur häufig als Basisdefinition. Allgemeiner gesprochen handelt es sich bei kooperativen Lehr- und Lernformen um einen lernerzentrierten Unterricht, in dem die Rollen des Lehrenden und des Lernenden vertauscht werden können. Schlüsselbegriffe sind der Wissenszuwachs, die Erhöhung der sozialen Kompetenz sowie der Eigen- und Gruppenverantwortlichkeit. Heterogenität wird als positiv betrachtet. Auch befürwortet dieser Zugang die Individualisierung des Lernprozesses.

2. Welche Vorteile bringen diese Lehr- und Lernformen den Studierenden?
Zahlreiche Untersuchen haben seit mehreren Jahrzehnten die Wirksamkeit dieser Lehr- und Lernformen bestätigt: Studierende lernen dadurch sowohl kognitiv als auch sozial, Selbstdisziplin und Selbstvertrauen werden gefördert, die Eigenverantwortung für den Lernprozess erhöht.

3. Warum spielen kooperative Lehr- und Lernformen im Konzept "Drei mal sieben" eine zentrale Rolle?
1. Sie entsprechen den Erfordernissen der Gehirnforschung für optimales Lernen.
2. Sie entsprechen den Erfordernissen des Fremdsprachenerwerbs.
3. Sie entsprechen den Erfordernissen des Studiums Industrial Design, da Partner- und Gruppenprojekte ein zentraler Bestandteil des gesamten Studiums sind.4. Sie entsprechen den Erfordernissen der zukünftigen Arbeitswelt der Studierenden als Industriedesigner und Industriedesignerinnen.

4. Wer sind die Akteure?
Kooperative Lehr- und Lernformen betreffen die Beziehung von Studierende/r zu Studierendem/er, die der/des Lehrenden zu den Studierenden wie auch die der Lehrenden untereinander. Darüber hinaus können Studierende und Lehrende einer Hochschule mit Studierenden und Lehrenden anderer Hochschulen und Universitäten in eine kooperative Lehr- und Lernbeziehung treten. Schließlich soll auch der außerhochschulische Bereich nicht außer Acht gelassen werden, da sich sowohl Studierende als auch Lehrende in kooperativen Lehr- und Lernsituationen mit Partnern aus der Industrie und der Designbranche wiederfinden.

Die enge Zusammenarbeit der Kolleginnen und Kollegen am Studiengang Industrial Design, in der Form von Hospitationen, gegenseitigem Feedback, Abstimmungen der Inhalte der Lehrveranstaltungen sowie gemeinsamen Aktivitäten, ist ein zentraler Impuls, um die Qualität der Lehre am Studiengang Industrial Design zu gewährleisten.

Auch hat sich die Kooperation mit der Karl-Franzens-Universität Graz als sehr fruchtbringend erwiesen. Im Rahmen ihrer Lehrveranstaltung „Teaching English in Adult Education“ hospitieren Studierende der Karl-Franzens-Universität in Lehrveranstaltungen der FH JOANNEUM.

5. Wie werden diese Lehr- und Lernformen eingesetzt?
Geht man von einer engen Definition des Begriffs aus, so sind Methoden wie das World Café, Placemat oder Gruppenpuzzle in den Lehrveranstaltungen eingesetzte kooperative Lehr- und Lernformen. Im weiteren Sinne finden jedoch viele Formen Eingang in die Lehrveranstaltungen: Peer Teaching, Peer Feedback, gemeinsames Erarbeiten von Themen, das Finden von Problemlösungsstrategien für fiktive und reale Fälle, aber auch die Unterstützung fachlich schwächerer Studierender durch stärkere Studierende außerhalb der Lehrveranstaltungen können als Beispiele für kooperative Lehr- und Lernformen genannt werden. All diesen Methoden ist gemein, dass sie in einer positiven Lernumgebung stattfinden, eine Bandbreite an Themen angeboten wird, die Lernmaterialien soweit als möglich individualisiert werden können und die Aktivitäten mit einer Evaluations- und Reflexionsphase abschließen.  

Arends, R. I., & Kilcher, A. (2010). Teaching for student learning: Becoming an accomplished teacher. New York, USA; London, UK: Routledge.

OECD. (2002). Understanding the brain: Towards a new learning science. Paris, France: OECD Publications.

Mehrwert

Das Konzept „Drei mal sieben: Fremdsprachenlehre im Hochschulbereich trifft auf die Neurowissenschaften“ berücksichtigt, wie gezeigt wurde, nicht nur unterschiedliche Bildungsbiographien, inkludiert kooperative Lehr- und Lernformen innerhalb der Hochschule sowie Kooperationen mit anderen Hochschulen und der zukünftigen Arbeitswelt der Studierenden, sondern es bezieht u.a. auch digitale Lehr- und Lernelemente in die Gestaltung der Lehrveranstaltung ein.
Die Studierenden beurteilen den auf neurowissenschaftlichen Forschungen beruhenden didaktischen Zugang – so unter anderem die Vielfalt der Lehrmethoden, die positive Lernumgebung, die Herausforderung im Lernprozess, die kooperativen Lehr- und Lernformen sowie den „Real World“ Charakter der Aufgabenstellungen – sehr positiv und zeigen sowohl große Lernfortschritte als auch eine hohe Lernmotivation. Daher unterstützen diese Rückmeldungen eine Fortführung und Weiterentwicklung des Konzeptes „Drei mal sieben“.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor und Master

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.