Bildungsmanagement

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Nicht erst seitdem im Zuge der Diskussion über Third Missions von Universitäten als politischen AkteurInnen die Rede ist, ist Service-Learning ein Format, dessen Einsatz in der universitären Lehre zielführend erscheint. In der Diskussion um die Einführung solcher Service-Learning-Formate schwingt immer die Frage nach dem gesellschaftlichen Engagement von Hochschulen, als weitere Aufgabe neben Forschung und Lehre, mit, also inwiefern die Sensibilisierung für gesellschaftliches Engagement in (universitären) Bildungsprozessen ein Ziel darstellen soll. Die Diskussion darüber kann aus unterschiedlichen Perspektiven geführt werden (vgl. Gerholz & Heinemann 2015; Berthold, Meyer-Guckel & Rohe 2010; Jacoby 2009), dabei wird gern auf Dewey verwiesen, der ein Ziel von Bildungsprozessen darin ausmacht, die Lernenden zu verantwortlich agierende BürgerInnen zu entwickeln (Dewey 1915; Giles 1990). Dies deckt sich mit der zentralen Aufgabe der Universität, die Studierenden in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen bzw. diese zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben generell zu befähigen (Euler 2005), sowie der Auffassung von Bildung „als Selbstbestimmungs- und Mitbestimmungsfähigkeit des Einzelnen und als Solidaritätsfähigkeit“ (Klafki 1985, S. 17). Um dies zu erreichen, benötigt es einige wesentliche Bestandteile der universitären Lehre: Fachwissen in der jeweiligen Disziplin, Reflexion, kritisches Denken und die Fähigkeit zum wissenschaftlich fundierten Arbeiten und Argumentieren (Pellert 1999; Dörpinghausen 2014).

Diese Service-Learning-Lehrveranstaltung versucht, den zentralen Aufgaben der Universität mit der entsprechenden didaktischen Modellierung gerecht zu werden und gleichzeitig die Third Mission der Universität voranzutreiben. Zentral ist weiters, dass die Studierenden in einen Selbstreflexionsprozess gelangen, der die Entwicklung einer Engagementbereitschaft sowie die Frage nach der eigenen Stellung in der Gesellschaft anstoßen soll.

Beschreibung

Die Lehrveranstaltung Bildungsmanagement wird seit dem WS 2014/15 als Service-Learning-Veranstaltung im Teamteaching geführt. Ganz allgemein wird durch Service Learning ermöglicht, dass Studierende Lösungsstrategien für soziale Organisationen, wenn möglich aus der Region der Hochschule, erarbeiten und dabei einen Lernprozess im Sinne der Erkundung und Vertiefung von curricularen Inhalten durchlaufen. Service-Learning ist eine Variante problembasierten Lernens (vgl. Schlicht & Slepcevic-Zach 2016), es umfasst damit „an instructional (and curricular) learner-centered approach that empowers lerners to conduct research, integrate theory and practice, and apply knowledge and skills to develop a viable solution to a defined problem“ (Savery 2015, S. 7). Diesem Ansatz folgend baut die Veranstaltung auf kooperativem Lernen und Arbeiten der Studierenden auf. Diese arbeiten (möglichst) selbstständig als Gruppe mit den sozialen Organisationen zusammen und entwickeln dabei auch die jeweilige Problemstellung mit. In der Lehrveranstaltung selbst steht die Präsentation, Diskussion und Reflexion der jeweiligen Arbeitsfortschritte im Mittelpunkt. Die Studierenden sind dabei sowohl aufgefordert das eigene Handeln zu reflektieren als auch das Handeln der KollegInnen zu diskutieren.

Didaktische Modellierung/Ablauf

 

Für die Konzeption der Lehrveranstaltung wurde auf der Definition von Bringle & Clayton aufgebaut, die Service-Learning als „competency-based, credit-bearing educational experience in which students (a) participate in mutually identified service activities that benefit the community, and (b) reflect on the service activity in such a way as to gain further understanding of course content, a broader appreciation of the discipline, and an enhanced sense of personal values and civic responsibility“ (2012, S. 105) sehen.

Die Lehrveranstaltung ist im fünften und letzten Semester des Masterstudiums Wirtschaftspädagogik angesiedelt. Die Studierenden arbeiten typischerweise in Vierergruppen jeweils mit einer sozialen Organisation (z.B. Rotes Kreuz, Vinzidorf, Promente etc.) zusammen. Der jeweilige Projektauftrag wird vor Beginn der Lehrveranstaltung mit den Organisationen besprochen, die jeweils eine konkrete Ansprechperson für die Studierenden zur Verfügung stellen müssen. Einige Beispiele bisheriger Projekte sind auf service-learning.uni-graz.at zu finden.

Durch den Anspruch, den Lernprozess der Studierenden mit Problemstellungen sozialer Organisationen zu verbinden, ergeben sich besondere Anforderungen an die didaktische Modellierung von Service-Learning-Formaten. Die Elemente Realität, Reflexion und Gegenseitigkeit sind dabei von großer Bedeutung (Godfrey, Illes & Berry 2005), d.h. es muss sich zum einem um eine reale Problemstellung der Gesellschaft handeln, die möglichst unterschiedliche soziale Herausforderungen (z.B. Armut, Obdachlosigkeit) widerspiegelt, und zum anderen muss die bei der Bearbeitung der Problemstellung erlebte Handlungswirksamkeit reflektiert werden (vgl. den Ansatz der reflective experience nach Dewey 1966). Gegenseitigkeit bedeutet zuletzt, dass es sich um eine partnerschaftliche Lernerfahrung von Studierenden und sozialen Organisationen handelt, in der beide ihr unterschiedlich gelagertes konzeptionelles Wissen einbringen. Bei der didaktischen Modellierung muss darauf geachtet werden, dass Lern- und Serviceprozess miteinander verknüpft werden. Aus einer handlungstheoretischen Fundierung (vgl. Buschfeld 2003, Sloane 2007) sind dabei die Aspekte der Handlungssituation, des Handlungsprozesses und des Handlungsergebnisses zu beachten; dies ist vor allem für die Lehrenden eine Herausforderung.

Der Service-Prozess stellt die Studierenden vor eine offene Problemsituation, mit ihrer eigenen Logik und den damit verbundenen Herausforderungen. Sehr wichtig ist dabei in unserer Umsetzung (es bestehen hier auch andere Zugänge), dass die Studierenden keine Zielvorgaben erhalten, welche sie zu erfüllen haben, sondern selbstständig den Zielfindungsprozess in Abstimmung mit den ProjektpartnerInnen vorantreiben müssen. Die Auseinandersetzung mit dem Finden der Problemstellung ist dabei ein wesentlicher Aspekt des Lernprozesses.

Die Studierenden bringen ihre im bisherigen Studium erworbenen Kompetenzen in die sozialen Organisationen ein und arbeiten an der Lösung des jeweiligen Problems. Mit diesem Setting entsteht die Situation, dass es weder eine Musterlösung noch eine Lösungsskizze oder Ähnliches für das Problem geben kann, die Arbeit wird deswegen von einem laufenden P-D-C-A-Zyklus begleitet und reflektiert und resultiert im Service-Ergebnis. Diese Vorgehensweise bedient den Lernprozess der Studierenden, indem die Motivation für das jeweilige Projekt durch die intensive Einbindung gestärkt werden soll und darauf aufbauend die notwendigen Inhalte aus dem Studium erkundet und angewendet werden. Im gesamten Prozess, insbesondere in den Reflexionsphasen, wird zwischen dem Service- und dem Lernergebnis unterschieden; das Lernergebnis zielt dabei auf die Kompetenzentwicklung der Studierenden und ihren persönlichen Einsichten hinsichtlich ihrer Werte und Einstellungen ab.

 

Aus diesen didaktischen Überlegungen heraus wurde der Ablauf der Lehrveranstaltung folgendermaßen konzipiert:

• Einheit 1: Vorstellung der Projekte. Die sozialen Organisationen stellen sich und ihre jeweilige Problemstellung selbst vor; anschließend gibt es im Rahmen eines Sektempfanges die Möglichkeit in einer ungezwungenen Atmosphäre die ersten Schritte mit den Organisationen zu besprechen.

• Einheit 2: Die Studierenden skizzieren ihre ersten Erfahrungen mit der Organisation (idealerweise konnten sie bereits die Organisation besuchen) und ihren Projektauftrag.

• Einheit 3 und 4: Zwischenpräsentation der Projektfortschritte

• Einheit 5: Probepräsentationen. Auch wenn die Studierenden bereits viel Erfahrung mit Präsentationen haben, bietet sich hier eine gute Möglichkeit diese Kompetenz zu verbessern.

• Einheit 6: Öffentliche Abschlusspräsentation.

• Einheit 7: Nach Abgabe aller Unterlagen bzw. nach der öffentlichen Präsentation erfolgt eine zusammenfassende Reflexion über den gesamten Projektablauf.

 

Hintergrund/Motivation

 

Service-Learning ist eine vor allem in den USA weit verbreitete Lehr-Lernform bzw. ein Veranstaltungsformat, bei dem Inhalte des Studiums mit gemeinnützigem Engagement der Studierenden verbunden werden. Dabei hat sich Service-Learning zu einem schillernden Begriff entwickelt, welcher mittlerweile auch in Europa Eingang in die nationalen Bildungsdiskussionen gefunden hat (vgl. dazu Backhaus-Maul & Roth 2013).

Der Lernprozess wird über die Bearbeitung von Problemstellungen der Zivilgesellschaft in Gang gesetzt. Die Reflexion der gemachten Erfahrungen soll den Studierenden ermöglichen, ein elaboriertes Verständnis der Studieninhalte zu erreichen und für sich eine Positionierung zum gesellschaftlichen Engagement zu bestimmen. Im deutschsprachigen Bereich finden sich in den Schulen seit den 1990er Jahren Ansätze von Service Learning in unterschiedlichen Ausformungen (Sliwka & Frank 2004), wobei in Österreich im Vergleich zu Deutschland leider bis jetzt nur sporadische Ansätze dafür zu sehen sind. Die Hochschulen folgten ungefähr ein Jahrzehnt später (Altenschmidt, Miller & Stark 2009; Bartsch 2009), auch hier hat Österreich noch viel Entwicklungspotential.

Im Mittelpunkt des Formats stehen gemeinnützige Organisationen, die möglichst aus der Region der jeweiligen Hochschule stammen. Für unsere Umsetzung müssen die Projekte einen starken inhaltlichen Bezug zum Masterstudium Wirtschaftspädagogik aufweisen. Bisher wurde beispielsweise ein Marketingkonzept für den Verkauf von Bio-Orangen inklusive Verkaufsschulung (im Rahmen eines Projekts zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen in das Berufsleben) erstellt, ein Kostenrechnungssystem für eine Behinderteneinrichtung konzipiert und implementiert, in einem weiteren Projekt wurden mittels Interviews Wünsche von Personen erhoben, die die Tafel Österreich in Anspruch nehmen.

Die Wirksamkeit von Service-Learning-Arrangements ist vor allem durch US- und angelsächsische Studien untersucht worden, wobei sich auch für den deutschsprachigen Kontext in den letzten Jahren einige empirische Befunde identifizieren lassen (vgl. beispielsweise Reinders & Wittek 2009, Gerholz & Slepcevic-Zach 2015a, 2015b). Die Studien geben Hinweise darauf, dass durch Service-Learning v.a. Problemlöse- und Führungsfähigkeiten, kreatives Denken sowie Fähigkeiten in der Teamarbeit gefördert werden können. Positive Effekte finden sich auch hinsichtlich der Veränderung des Verständnisses von sozialen Herausforderungen und der Erweiterung von personalen Einsichten (vgl. zu den empirischen Befunden Peters, McHugh & Sendall 2006; Prentice & Robinson 2010; Reinders & Wittek 2009; Yorio & Ye 2012). Eine tiefergehende Diskussion ist, neben der Überprüfung dieser Befunde für den deutschsprachigen Bereich, für den Zusammenhang der didaktischen Modellierung und der daraus entstehenden Wirkungen bzw. des Nutzens dieses Formats noch ausständig. Erste Ergebnisse (vgl. Gerholz & Slepcevic-Zach 2015b) lassen aber den Einsatz für die wissenschaftliche Berufsvorbildung von WirtschaftspädagogInnen als zielführend erscheinen.

Ziel unseres didaktischen Konzept des Service-Learning war u.a., dass unsere Studierenden auch einen Blick für soziale Belange der Gesellschaft bekommen, was am besten über Erfahrungslernen funktioniert. Dabei ging es aber nicht darum „nur“ eine karitative Arbeit zu verrichten (dies wäre auch nicht im Sinne des Studienplans), sondern auch um die Entwicklung einer umfassenden Handlungsfähigkeit. Service-Learning bietet eine perfekte Möglichkeit diese Ansprüche zu verbinden. Zum einen können die Studierenden ihre gelernten Inhalte aus dem wirtschaftlichen Bereich konkret in einem Projekt umsetzen und zum anderen lernen sie gleichzeitig Seiten der Gesellschaft kennen, die für sie bis dahin vielleicht nicht offensichtlich waren.

Zusammenführend kann Service-Learning als eine Lehr-Lernform umrissen werden, die Elemente des problem- und handlungsorientierten Lernens aufnimmt und diese mit dem Aspekt des gemeinnützigen Engagements verknüpft. Vor diesem Hintergrund entstehen durch das didaktische Format Service-Learning vielfältige Potentiale, beispielsweise im Bereich des Social Entrepreneurships, aber auch in der Förderung der fachlichen und methodischen Kompetenzen der Studierenden.

 

Forschungsgeleitete Lehre/Begleitforschung

 

Mit Implementation des Veranstaltungsformats Service-Learning wurde gleichzeitig eine Begleitforschung gestartet, welche dem Ansatz des Design-Based-Research (ausgehend von Brown 1992, vgl. generell Cobb et al. 2003) folgt. Dabei werden die gewonnenen Evaluationsergebnisse bzw. Erkenntnisse laufend in die folgende didaktische Modellierung bzw. Konzeption der Lehrveranstaltung integriert.

Als Untersuchungsdesign wurde ein Mixed-Method-Ansatz gewählt, der aus einer quantitativen Fragebogenerhebung und mehreren qualitativen Erhebungen besteht. Die quantitative Erhebung wurde als Kontroll- und Experimentalgruppendesign mit Messwiederholung (vor und nach Durchführung des Kurses) konzipiert. In der qualitativen Erhebung wurden im WS 2014/15 Gruppeninterviews mit allen vier Projektgruppen durchgeführt und die Verantwortlichen aller vier beteiligten Organisationen in Form eines fokussierten Interviews befragt. Im SoSe 2015 erfolgte ein Gruppeninterview mit allen Studierenden, im WS 2015/16 konnte eine Fokusgruppenbefragung durchgeführt werden und für das SoSe 2016 sind weitere Gruppeninterviews geplant.

Erste Ergebnisse der quantitativen Erhebung zeigen, dass das Service-Learning-Format sowohl die eigene Wahrnehmung des Lernerfolgs als auch die Engagementbereitschaft der Lernenden (im Vergleich zur Kontrollgruppe) signifikant verbessern kann (vgl. Gerholz & Slepcevic-Zach 2015a, 2015b). Die Auswertung der qualitativen Daten gab und gibt viele Hinweise zur didaktischen Modellierung bzw. zum Nutzen, welchen die Studierenden und die Organisationen in diesem Veranstaltungsformat sehen (vgl. zu den ersten Ergebnissen Slepcevic-Zach, Fernandez & Kienzl 2016).

 

Eigene Rolle/persönlicher Zugang

 

Der Umgang mit den Studierenden muss vor dem Hintergrund des didaktischen Settings ein sehr respektvoller und wertschätzender sein. Die Studierenden sind am Ende ihres Masterstudiums Wirtschaftspädagogik und damit MitproduzentInnen der Ergebnisse. Gerade in dieser Lehrveranstaltung, in der die Ergebnisse der einzelnen Projekte am Beginn des Semesters noch offen sind bzw. sich auch die Zielrichtungen der Projekte im Rahmen des Semesters ändern, ist ein partnerschaftlicher Umgang mit den Studierenden notwendig.

Die Aufgabe von uns Lehrenden während des Semesters ist es, einen kritischen Blick auf die Fortschritte der Studierenden zu werfen und ihre Handlungen und Ergebnisse zu hinterfragen. Dabei steht nicht im Vordergrund, wie wir selbst das jeweilige Projekt angehen würden, sondern ob die Studierenden ihre jeweilige Vorgehensweise gut begründen und verteidigen können. Für uns bedeutet dies eine Änderung der Sichtweise. Es ist uns bewusst, dass wir am Ende des Semesters weniger Wissen über die jeweiligen Projekte und weniger Einblick in die beteiligten sozialen Organisationen haben als die Studierenden. Aber gerade diese offene Situation macht diese Lehrveranstaltung ungemein spannend.

Weiters war die Umsetzung eines Service-Learning-Formats für uns eine Antwort auf die Frage, ob „das intellektuelle, kulturelle und infrastrukturelle Potenzial der Hochschule als gestalterisches und reformerisches Kraftzentrum unserer Gesellschaft wirklich schon hinreichend ausgeschöpft“ (Meyer-Guckel 2010) ist. Wir denken, dass Service-Learning eine Möglichkeit bietet, sowohl das Lernen der Studierenden als auch die sich verändernde Position der Hochschulen in Einklang zu bringen.

Positionierung des Lehrangebots

5. Semester Master

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 in der Kategorie Kooperative Lehr- und Lernformen innerhalb der jeweiligen Hochschule, über Hochschulen und HS-Sektoren hinweg nominiert.