Wirtschaft im rechtlichen Kontext – Europäisches und Öffentliches Wirtschaftsrecht I

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Der moderne Studienbetrieb an öffentlichen Universitäten stellt singuläre quantitative Herausforderungen, die in Ermangelung innovativer didaktischer Bewältigungsmechanismen in qualitative Defizite umschlagen können. Die Lehrveranstaltung „Wirtschaft im rechtlichen Kontext – Europäisches und Öffentliches Wirtschaftsrecht I“ folgt einem Design, das ganz bewusst darauf ausgerichtet ist, diesen Herausforderungen zu begegnen. Mit der Verschränkung der Präsenzlehre, abgestimmter Lehr- und Lernmaterialien sowie eigens für die Veranstaltung konzipierter elektronischer Ressourcen soll nachhaltiger Wissenserwerb gleichermaßen über die Interaktion im Lehrveranstaltungsbetrieb sowie über Eigeninitiative Lernprozesse abseits des Hörsaals sichergestellt werden.

Beschreibung

Ausgangspunkt der Wissensvermittlung ist auch im Rahmen von „Wirtschaft im rechtlichen Kontext – Europäisches und Öffentliches Wirtschaftsrecht I“ der Besuch der Vorlesung, die durch eine Lehrunterlage (Bezemek ea, Österreichisches und Europäisches Öffentliches Wirtschaftsrecht I, 10. Aufl 2015) und durch ein umfangreiches E-Learning-Angebot im Rahmen der Online-Lernplattform „Learn@WU“ ergänzt wird.

Ziel des Zusammenspiels dieser Elemente ist eine umfassende und nachhaltige Wissensvermittlung, sowohl auf theoretisch-dogmatischer Ebene als auch fallbezogen und anwendungsorientiert.

Basierend auf dieser Zielsetzung bietet die Online-Lernplattform neben „klassischen“ E-Learning-Ressourcen wie Lecturecasts, Kontrollfragen und Musterklausuren auch Lernmodule, die den Inhalt der Vorlesung und der Lehrunterlage verbinden und mit verschiedenen Werkzeugen (Leseaufgaben, Gesetzestexte, Kurz Fragestellungen) verschränktes Lernen fördern. Dabei begleiten die Lernmodule die Protagonisten Flora und Kristof bei der Unternehmensgründung hin zum Ausbau des Unternehmens zu internationaler Größe. Diese auf einander aufbauenden Fallbeispiele sollen den Studierenden ermöglichen, ihr durch Vorlesung und Selbststudium erworbenes Wissen auch auf einen lebensnahen Sachverhalt anzuwenden und dieses dadurch zu vertiefen und zu festigen.

Die Lehrveranstaltung „Wirtschaft im rechtlichen Kontext – Europäisches und öffentliches Wirtschaftsrecht I“ beinhaltet ein breites Spektrum verschiedener Teilgebiete, die die Studierenden mit der Bandbreite des Themengebiets vertraut machen sollen. Zum einen werden die rechtlichen Gesichtspunkte der Organisation des Staates Österreich und der Europäischen Union behandelt, zum anderen werden – dem wirtschaftlichen Schwerpunkt geschuldet – Grundrechte der Wirtschaft, Gewerbe- und Betriebsanlagenrecht mitsamt Verwaltungsverfahrensrecht und nationalem Rechtsschutz sowie auf europäischer Ebene Binnenmarktrecht und unionales Wettbewerbsrecht erläutert. Diese Lehrveranstaltung dient der Einführung der Studierenden in die genannten Rechtsbereiche und soll eine Vorstellung davon vermitteln, in welch komplexen rechtlichen Rahmenbedingungen wirtschaftliches Handeln stattfindet.

 

Die Lehrveranstaltung ist Teil der Studieneingangsphase der Bachelorstudien Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Wirtschaftsrecht; die Multiple-Choice-Prüfung zur Lehrveranstaltung ist von Studienanfängerinnen und -anfängern verpflichtend zu absolvieren. An der Wirtschaftsuniversität Wien wurden im Wintersemester 2015/16 mehr als 4.400 Studierende zu den Bachelorstudien zugelassen. Dementsprechend wird die Lehrveranstaltung von einer hohen Zahl an Studierenden besucht, zur Prüfung traten in diesem Semester 3.131 Studierende an.

 

Um diesen Andrang bewältigen zu können, wird versucht, mit unterschiedlichen Ansätzen möglichst viele Studierende zu erreichen. Dabei werden drei verschiedene Möglichkeiten angeboten, sich den Lehrinhalten zu nähern und sich diese anzueignen: Der Vortrag im Hörsaal im Rahmen der Vorlesung als etablierte Form der Wissensvermittlung, zum anderen eine analoge Lernunterlage in Buchform (Bezemek ea, Österreichisches und Europäisches Öffentliches Wirtschaftsrecht I, 10. Aufl 2014) sowie die digitale Lernumgebung. Diese drei Segmente stehen dabei nicht isoliert nebeneinander, sondern sind ineinander verschränkt. Durch die dergestalt intendierte wechselnde Nutzung dieser verschiedenen Segmente können sich die Studierenden den Lernstoff zeitgleich auf mehreren Wegen aneignen und so das Erlernte festigen.

 

Die Lernunterlage wurde von Christoph Bezemek, Harald Eberhard, Christoph Grabenwarter, Michael Holoubek, Georg Lienbacher, Michael Potacs und Erich Vranes als für den Studienplanpunkt fachlich verantwortlichen Professoren gemeinsam entwickelt, bildet zugleich die Grundlage der Lehrveranstaltung, stellt die Abgrenzung des Prüfungsstoffes dar und dient als Ausgangspunkt der Prüfungsvorbereitung. Die jährliche Aktualisierung sichert Wissensvermittlung auf dem Boden der geltenden Rechtslage. Die Vermittlung methodischer Grundlagen, wissenschaftstheoretische Reflexionen und didaktische aufbereitete Ausführungen zu rechtswissenschaftlicher Systembildung im Bereich des Öffentlichen Wirtschaftsrechts machen das Werk jedoch jenseits seiner Funktion als Lernunterlage zu einem Kompendium, das den Studierenden zugleich akademischen Anspruch und praxisrelevantes Wissen vermittelt.

 

Im Rahmen der Präsenzlehre wird in der Vorlesung wiederum die Gelegenheit geboten, Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren. Aufgrund der hohen Anzahl an Interessentinnen und Interessenten werden Vorlesungen teilweise parallel von mehreren Vortragenden abgehalten. Bei besonders hohem Andrang wird auch auf die technische Möglichkeit der Videoübertragung eines Live-Vortrages in weitere Hörsäle zurückgegriffen. Ein einheitliches Lehrveranstaltungsdesign sichert indes auch bei mehreren Lehrveranstaltungen ein einheitlich hohes Niveau der Inhaltsvermittlung.

 

Als verbindendes Element zwischen analoger Lernunterlage und den von mehreren Vortragenden abgehaltenen Vorlesungen dient die digitale Lernumgebung. Diese ist in die Lernplattform Learn@WU eingebettet. Dabei handelt es sich um die Lern- und Kommunikationsplattform der Wirtschaftsuniversität Wien, die bereits seit dem Jahr 2001 genutzt und laufend weiterentwickelt wird. Auf dieser Lernplattform entstand eine digitale Lernumgebung der Lehrveranstaltung, in der über Jahre hinweg neue Lernmaterialien eingebettet und bestehende verwaltet wurden. Diese Lernmaterialien dienen der Unterstützung der Studierenden bei der Prüfungsvorbereitung. Eingangs war es das vordringliche Anliegen, die Prüfungskandidatinnen und -kandidaten auf den Multiple-Choice Prüfungsmodus vorzubereiten. Entsprechend wurden Kontrollfragen erstellt, die den gesamten Prüfungsstoff gleichmäßig abdeckten. Zusätzlich wurde ein umfangreiches Glossar erstellt, Downloads der Vortragsfolien und allgemeine Informationen zur Lehrveranstaltung angeboten sowie relevante Weblinks und Musterklausuren bereitgestellt. Zudem besteht für die Studierenden die Möglichkeit, sich in einem betreuten Forum auszutauschen und Fragen zu stellen, die entweder von anderen Studierenden oder durch Online-Betreuer des Instituts beantwortet werden. Als zusätzliches Feature werden – vor allem in Hinblick auf Studierende, die etwa aus beruflichen oder familiären Gründen nicht an der Vorlesung teilnehmen können – Lecturecasts (Vorlesungsmitschnitte einzelner Vortragender samt Vortragsfolien) angeboten.

 

All dies zählt mag mittlerweile vielfach zum Standard innovationsgeleiteter digitaler Lernumgebungen zählen. Die Lehrveranstaltung „Wirtschaft im rechtlichen Kontext – Europäisches und öffentliches Wirtschaftsrecht I“ widmet dem Bereich E-Learning jedoch darüber hinausgehend besonderes Augenmerk. Ziel ist es, die vorhandenen technischen Möglichkeiten auszuschöpfen und von bloßer (und notgedrungen kurzfristiger) Wissensvermittlung den nächsten Schritt zur vertieften Verständnisvermittlung zu setzen. Weder kann, noch soll die digitale Lernumgebung dabei die Vorlesung oder das Studium der analogen Lernunterlage ersetzen. Dennoch sollen in diesem Umfeld einzelne Problemfelder der unterschiedlichen Themenbereiche dargestellt und erläutert werden. Dazu war es notwendig, neue Strukturen der Inhaltsvermittlung zu schaffen, die verstärkt auf Interaktivität und Interaktion setzen und so die Lernprozesse der Studierenden in einen ganzheitlichen Prozess des Kompetenzerwerbs einbetten. Die Kenntnisse und Fähigkeiten, die durch die Vorlesung und das Selbststudium der analogen Lernunterlage erworben werden, sollen über die Lehrveranstaltung hinaus für das weitere Studium gefestigt werden. Die digitale Lernumgebung soll Neugierde wecken, zum Nachdenken und Nachfragen verleiten, die Herstellung von Querverbindungen fördern und durch automatisches Feedback unmittelbar auf die Lernfortschritte der Studierenden reagieren.

 

Begünstigt durch die technische Weiterentwicklung von Learn@WU und in Abstimmung mit einer Änderung des Prüfungsmodus, wurde im Jahr 2014 begonnen, ein modulares System zu konzipieren, das einerseits auf leicht nachvollziehbare Weise durch die unterschiedlichen Rechtsgebiete führt und andererseits durch Interaktivität besonderes Augenmerk auf die Anwendung des erworbenen Wissens setzt. Dieses modulare System soll die Studierenden dabei unterstützen, das Erlernte weiter zu vertiefen. Um die positiven Effekte auch auf die Multiple-Choice-Prüfung am Ende der Lehrveranstaltung zu übertragen, wurde der Prüfungsmodus von vielen Wissensfragen und kleineren Fällen dahingehend umgestellt, dass Fragen nunmehr – wie in der digitalen Lernumgebung bewährt – durch einen zusammenhängenden Sachverhalt miteinander verbunden werden und die Prüfung so in mehrere abgeschlossene Fälle unterteilt wird.

 

Unter „Lernen & Üben“ werden in der digitalen Lernumgebung den einzelnen Vorlesungslektionen Module zugeordnet, die im Verlauf auf komplexere Fragen des jeweiligen Rechtsgebietes eingehen. Dabei wird ein abwechslungsreicher Medienmix aus Textseiten, Multiple Choice-Fragen, Lecturecasts, externen Quellen geboten, die künftig um Captivate-Simulationen ergänz werden. Im Sinne des zuvor betonten Fokus auf individuellen Kompetenzerwerb soll vermieden werden, die Studierenden mit einer breiten Masse lose zusammengefügter Einzelelemente zu konfrontieren. Die Materialien und Ressourcen werden im Sinne einer didaktisch sinnvollen Sequenzierung – in Folge teilweise lernfortschrittsbezogen – zur Verfügung gestellt, wobei in diesem Zusammenhang eine weitere Verschränkung mit der analogen Lernunterlage ermöglicht wird, die selbst bereits fallorientiert durch die einzelnen Lektionen leitet.

 

Gerade bei der Erstellung der digitalen Lernumgebung war indes die Frage zu beantworten, wie die einzelnen Problemfelder den Studierenden nähergebracht werden können, die ja bis dahin kaum mit diesen Rechtsmaterien befasst waren. Eine Lösung wurde in einem umfassenden didaktischen Narrativ gefunden, das den „laufenden Betrieb“ als roten Faden durch den Lernfortschritt der Studierenden spinnt. Die Themen werden durch eine Erzählung, einen Fall, verbunden, wodurch sich neben den einzelnen spezifischen Fragen auch Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Rechtsmaterien erschließen. Folgender Plot bildet die Ausgangslage der digitalen Lernumgebung: Zwei Protagonisten, Flora und Kristof, wagen sich in Ausübung ihrer erlernten Berufe in die unternehmerische Selbständigkeit und bauen ihr Unternehmen sukzessive aus. Das ermöglicht den Studierenden, die rechtliche Situation von Personen, die ihnen mit zunehmendem Lernfortschritt immer vertrauter werden, je nach vorliegendem Sachverhalt neu zu beurteilen, wobei bei der Konzeptionierung besonders darauf geachtet wurde, Gender- und Diversitätsaspekte einzuflechten. Diese Thematik stellt für sich betrachtet keinen Schwerpunkt des LV-Designs dar. Dennoch schien es wesentlich, eine Frau ganz bewusst als Hafnermeisterin tätig werden zu lassen, durch den Namen des männlichen Protagonisten Migrationshintergrund anzudeuten und insgesamt die handelnden Personen in einem möglichst breiten beruflichen Spektrum zu zeigen.

 

Studierendenzentrierung, Kompetenzorientierung, Umsetzung des Lehrveranstaltungsdesigns

 

Die Lernziele werden den Studierenden sowohl in der analogen als auch der digitalen Lernunterlage zu Beginn jeder Einheit aufgezeigt. So ist klar dargestellt, auf welche Inhalte die Studierenden ihre Lernmotivation richten können. Auch die in der Vorlesung verwendeten Folien weisen auf die jeweils zu behandelnden Themen hin.

 

Während der Lernstoff sowohl in der Vorlesung als auch in der analogen Lernunterlage wissenschaftlich fundiert präsentiert werden kann, befasst sich die digitale Lernumgebung vorwiegend mit praxisbezogenen, konkreten Fragestellungen. Die unterschiedlichen Teile des Lehrveranstaltungsdesigns sollen einander dabei ergänzen und es ermöglichen, unterschiedliche Aspekte eines Rechtsgebietes zu beleuchten.

 

In der analogen Lernunterlage werden dementsprechend etwa für die gewerberechtliche Lektion als zentrale Fragen und damit als Lernziele ausgewiesen, was ein Gewerbe ist, wozu die Gewerbeordnung dient, welche Voraussetzungen es gibt und welche Rechte und Pflichten mit der Ausübung eines Gewerbes einhergehen. Die digitale Lernumgebung verleiht die Kompetenz, aus einem konkreten Sachverhalt schlussfolgern zu können, ob eine Tätigkeit der Gewerbeordnung unterliegt und eine bestimmte Person eine bestimmte Gewerbeberechtigung erlangen kann, eine Abgrenzung zwischen Gewerbe- und Industriebetrieb zu treffen und die Möglichkeit, den Einsatz eines gewerberechtlichen Geschäftsführers richtig einzuordnen. Dazu wird eingangs die Frage aufgeworfen, wie Flora, die Protagonistin, einen bestehenden Hafner-Betrieb übernehmen könnte. Der Sachverhalt wird in groben Zügen in Textform vorgestellt. Dem folgen allgemeine gewerberechtliche Fragen und auf die analoge Lernunterlage bezogene Leseaufträge und Verweise auf den Gesetzestext. In weiterer Folge wird der zu Beginn geschilderte Sachverhalt konkretisiert und auch die Übungsfragen werden immer spezifischer. Die Studierenden werden konsequent sowohl an die Substanz als auch die Nuancen des Stoffes herangeführt, können sich der Thematik jedoch in eigenem Tempo nähern und – je nach Bedarf – auf Feedback, das sich auf die jeweiligen Antwortmöglichkeiten bezieht, zurückgreifen.

 

Die Lernplattform bietet den Studierenden auch eine graphische und prozentuelle Darstellung ihres Lernfortschritts, wodurch sie diesen laufend im Auge behalten und kontrollieren können. Das ermöglicht ihnen eine Einschätzung, über welche Kompetenzen sie bereits verfügen und welche Themenbereiche sie noch weiter vertiefen sollten. Dazu steht ihnen die Möglichkeit offen, sich mit Fragen an die Vortragenden zu wenden oder das auf der Lernplattform eingerichtete und betreute Forum zu nutzen. Zudem erhalten die Studierenden bei der Beantwortung von Fragen der Module konkretes Feedback zu den von ihnen gewählten Antwortmöglichkeiten in Form kurzer inhaltlicher Erklärungen und Verweisen zu den relevanten Kapiteln in der Lehrveranstaltungsunterlage.

Positionierung des Lehrangebots

Die Lehrveranstaltung und das auf sie abgestimmte Lehrangebot sind in der Studieneingangsphase sämtlicher an der WU angebotener Bachelorstudien positioniert.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.