Internationale Makroökonomik

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Das selbständige Ausarbeiten verschiedenster Themen durch Gruppen von Studierenden ist regelmäßiger Bestandteil vieler Lehrveranstaltungen. Meist werden diese dann in Form von Referaten vor der Gruppe präsentiert. In vielen Fällen führt dies jedoch zu nicht optimalen Lern- und Feedback-Situationen:

 

• Die Vorträge aller Gruppen nehmen sehr viel Lehrveranstaltungszeit in Anspruch (in einer kleinen LV mit 40 Teilnehmern ergeben sich bei Dreiergruppen schon 13 Referate).

 

• Die Präsentationen sind von gemischter Qualität und in manchen Fällen nicht geeignet die Inhalte zu transportieren.

 

• Für die Studierenden und Lehrenden ist es, durch die schnell wechselnden Themen und Vortragenden während einer Einheit, schwierig über den gesamten Zeitraum die Konzentration zu halten.

 

• In manchen Fällen überschneiden sich die Vorträge inhaltlich oder sind nicht optimal vorgetragen, sodass bei den Studierenden Langeweile und Unaufmerksamkeit entsteht.

 

• Feedback zu Vortragsstil oder Inhalt ist für Rest der Gruppe meist uninteressant oder nicht relevant und kann daher nur sehr kurz gehalten werden.

 

• Die Studierenden, die gerade nicht präsentieren, sind oft passiv und Feedback zu den gehörten Referaten kommt ausschließlich von der/dem Lehrenden.

 

Manche Lehrveranstaltungsleiter/innen verzichten daher ganz auf Referate und lassen sich die Ergebnisse nur in Form von Seminararbeiten zukommen. Dadurch bleiben dem Rest der Gruppe jedoch die Informationen vorenthalten und die Studierenden haben keine Möglichkeit ihre Ergebnisse zu präsentieren, Präsentationen zu üben und Feedback dazu zu erhalten. Außerdem wird es durch die sozialen Netzwerke für Studierende immer einfacher Seminararbeiten aus verschiedenen Semestern untereinander auszutauschen und sich somit einen Großteil der Arbeit zu sparen.

Im Folgenden wird eine Art der Referate und des Feedbacks vorgestellt, die versucht durch die Nutzung digitaler Medien alle oben genannten Nachteile von klassischen Referaten zu vermeiden.

Beschreibung

In vielen Lehrveranstaltungen kommen Referate (von Gruppen) von Studierenden zur Anwendung. Dieses Lehrveranstaltungsdesign zeigt, wie Referate in Form von Videos online durchgeführt werden können. Die Studierenden wenden erlernte Methoden selbstständig auf Fragen rund um die Finanz- und Staatsschuldenkrise an und präsentieren ihre Ergebnisse in Form eines Videos. Sie können hier innerhalb konkreter inhaltlicher und organisatorischer Vorgaben ihre Erkenntnisse kreativ präsentieren und üben den Umgang mit digitalen Medien, Videokonferenzen und online Plattformen. Die Videos werden auf der Lernplattform zur Verfügung gestellt und die Studierenden geben einander gegenseitig Feedback zu den Inhalten und der Präsentation. Damit werden Elemente der digitalen Medien, wie (Handy-)Videos und Kommentarfunktionen mit welchen die Studierenden aus dem privaten Umfeld bereits viel Erfahrung haben, in den Unterricht eingebaut. Das Abhalten der Referate per Online-Videos erspart viel Lehrveranstaltungszeit und bietet weitreichende Möglichkeiten zur Integration in den Unterricht.

Nachfolgend wird die Verwendung digitaler Medien bei der Durchführung von Online-Video-Referaten exemplarisch anhand der Lehrveranstaltung „Internationale Makroökonomik“ beschrieben. Prinzipiell können Referate in dieser Form jedoch in beliebigen Lehrveranstaltungen mit unterschiedlicher Größe und Inhalt eingesetzt werden.

 

In der Lehrveranstaltung „Internationale Makroökonomik“ ist es das Ziel, dass Studierende nach Abschluss in der Lage sein sollen...

- zentrale makroökonomische Zusammenhänge für geschlossene und offene Volkswirtschaften zu beschreiben und grafisch darzustellen.

- Auswirkungen verschiedener wirtschaftspolitischer Maßnahmen (wie z.B. Staatsausgabenerhöhung, Zinssenkung, Wahl eines bestimmten Wechselkursregimes) selbständig und unter Verwendung der erlernten theoretischen Modelle zu analysieren.

- makroökonomische Zusammenhänge in einem anderen Kontext wiederzuerkennen und Schlussfolgerungen daraus abzuleiten. Sie erkennen diese Zusammenhänge beispielsweise wieder, wenn sie den Wirtschaftsteil der Tageszeitung lesen.

 

Die Studierenden lernen dabei über das Semester verteilt drei verschiedene recht komplexe, ökonomische Modelle (jeweils einmal für die geschlossene und einmal für die offene Volkswirtschaft) kennen, die sie auf verschiedene Fragestellungen anwenden sollen:

- Gütermarktmodell

- IS-LM Modell

- AS-AD Modell

 

Insgesamt können in der Lehrveranstaltung standardisiert 32 Punkte erreicht werden. 20 Punkte werden durch den zentralen Endtest vergeben, 8,75 über sogenannte Mini-Quizzes und in der hier beschriebenen LV 3,25 über die in diesem Dokument beschriebenen Online-Video-Referate. Um Transparenz der Beurteilung zu gewährleisten, kann jede/r Studierende seinen/ihren Punktestand online auf learn@WU einsehen.

 

Zur Qualitätssicherung der Lehrveranstaltung wird in der 5. und 9. Einheit zusätzlich zu den in der letzten Einheit verteilten offiziellen WU Feedbackbögen, eigenes Feedback eingeholt und anschließend anhand einer detaillierten Auswertung mit den Studierenden ausführlich besprochen. Gegebenenfalls werden dann noch im selben Semester oder für die nachfolgende Gruppe Änderungen vorgenommen. Das Formular ist dabei so aufgebaut, dass die Studierenden auf positive Weise Kritik an der Lehrveranstaltung üben, sowie gleich Verbesserungsvorschläge mitliefern können.

 

1. Vorbereitung

Über das gesamte Semester verteilt lernen die Studierenden im standardisierten Teil Modelle kennen, mit welchen die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen von Interventionen durch Geld- und Fiskalpolitik, sowie unerwarteten Schocks auf das Wirtschaftssystem eines Landes analysiert werden können.

Im Rahmen der hier vorgestellten Lehrveranstaltung wird dann zu Beginn des Semesters eine Einheit zur Motivation der Theorie eingefügt, welche sich mit der Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise der letzten Jahre beschäftigt. Um die gelernten theoretischen Modelle auch direkt an einem Beispiel anzuwenden, sich eingehend mit den Auswirkungen der Krise zu beschäftigen und das Präsentieren komplexer ökonomischer Sachverhalte zu üben, werden anschließend an die erste Einheit Referate an Gruppen von je drei Studierenden vergeben. Die Gruppen haben dann das ganze Semester Zeit sich mit der Aufgabenstellung und der Anwendung der Modelle auseinanderzusetzen. Jede Gruppe kann sich dabei frei ein Land aus einer größeren Liste (Anhang A1) aussuchen (es werden jeweils drei Präferenzen angegeben) und soll für dieses Land folgende drei Fragen beantworten (Anhang A2 zeigt die Folien zur genauen Aufgabenstellung):

- Wie hat die Krise das Land getroffen? Welche Auswirkungen hatte die Krise?

- Wie hat die Geld- und Fiskalpolitik reagiert?

- Wie können diese Politikreaktionen im Gütermarkt-, IS-LM- und AS-AD-Modell analysiert werden? Welche kurz- und mittelfristigen Folgen kann man (abgeleitet aus den Modellen) erwarten und wie passt das mit der Realität zusammen?

 

2. Ausarbeitung und Abgabe

Bis zwei Einheiten vor Ende der Lehrveranstaltung müssen die Gruppen ihre jeweiligen Ausarbeitungen in Form eines gefilmten Referates abgeben. Die Gruppen erstellen dabei jeweils ein Video (max. 5 Minuten) mit den wichtigsten Erkenntnissen, Erklärungen zu den Modellen und wichtigen Hinweisen aus ihrer Gruppenarbeit. Das Video muss dabei folgende Kriterien erfüllen:

- Jedes Gruppenmitglied muss zumindest einmal zu sehen sein.

- Die Beschreibung der Auswirkungen und Interventionen darf maximal 2 Minuten in Anspruch nehmen, die Beschreibung der Situation in den Modellen muss mehr als die Hälfte der Zeit in Anspruch nehmen

- Alle drei Modelle müssen verwendet werden und alle Grafiken, Diagramme und Skizzen müssen erklärt werden

Sollten Studierende keinen eigenen Zugang zu entsprechendem Equipment oder Software haben, so stehen ihnen am neuen WU Campus diverse Möglichkeiten zur sehr einfachen Erstellung von Videos zur Verfügung. Zum Beispiel haben in den letzten Semestern viele Studierende Gebrauch von den Einrichtungen des Raiffeisen Sprachlernzentrums im LC gemacht. Dort stehen in den Tandem Räumen bereits vorinstalliertes Videoequipment und entsprechende PCs zur Verfügung.

Das Modul „Lecturecasts“ auf der Lernplattform Learn@WU bietet (meines Wissens noch in einer Testphase) auch die Möglichkeit des Uploads von Videos durch Studierende(ngruppen). Diese Funktion wird für die Abgabe der Gruppenarbeit verwendet und Videos können damit dann direkt auf Learn@WU abgespielt, kommentiert und verwaltet werden. Der Upload wird den Studierenden durch verschiedene Hilfsfunktionen erleichtert und Lehrveranstaltungsleiter muss die jeweiligen Videos lediglich per Knopfdruck freischalten. In zwei Semestern mit insgesamt ca. 50 Gruppen gab es lediglich bei zwei Videos technische Probleme, die aber nicht an Learn@WU lagen.

 

3. Peer-Feedback und Bewertung

Mit der vorletzten Einheit ist der Upload geschlossen, der Lehrveranstaltungsleiter schaltet die Videos frei und alle Studierenden des Kurses bekommen über die Learn@WU „Lecturecasts“ Zugang zu einer Übersichtsseite (Screenshot in Anhang A3). Diese Seite listet die hochgeladenen Videos aller Gruppen auf. Als letzter Teil der Aufgabe muss nun jeder Studierende mindestens 5 Videos ansehen, kommentieren und korrigieren. Die Kommentare und Korrekturen sind dabei erstmal noch nicht sichtbar. Die Studierenden sollen bei den jeweils anderen Gruppen bewerten, ob die Modelle richtig angewandt, alles vollständig und verständlich erklärt ist und die Schlussfolgerungen richtig abgeleitet wurden. Außerdem soll (nicht in die Beurteilung einfließendes) Feedback zur Präsentation und Aufmachung gegeben werden.

In der aktuellen Fassung lässt Learn@WU noch keine Kommentare von anderen Studierenden unter den Videos zu, sondern lediglich die der Lehrveranstaltungsleiter/innen. Optimalerweise würden die Studierenden ihre Kommentare aber gleich unter das jeweilige Video eingeben. Als derzeitiges Workaround laden die Studierenden nun ihre Kommentare und Korrekturen per Word-Dokument über die Learn@WU „Aufgaben“ hoch und der Lehrveranstaltungsleiter fügt die Kommentare unter die Videos ein (Screenshots in Anhang A4). Das Feedback zu Präsentation und Aufmachung bleibt dabei geheim und wird nur an die Gruppe versandt. Die Korrekturen werden nun auf Learn@WU direkt unter dem Video angezeigt, sodass alle Studierenden diese einsehen können. In einem letzten Schritt geht nun der LV Leiter jedes Video durch und sucht selbst nach Fehlern/Korrekturen in den Videos. Diese werden dann ebenfalls unter dem Video eingefügt.

 

Die Punkte für das Feedback zu den Videos werden dann wie folgt vergeben:

- Für gefundenen Fehler, der auch wirklich Fehler ist: 0,1 Pkt.

- Für Verbesserungsvorschlag, der auch wirklich einer ist: 0,1 Pkt.

- Für „alles richtig“ bei Video in dem alles richtig ist: 0,1 Pkt.

- Für gefundenen Fehler, der kein Fehler ist: 0 Pkt.

- Für „alles richtig“ bei Video das offensichtlichen Fehler enthält: 0 Pkt.

- Alles andere: 0 Pkt.

 

Mit dieser Art der Punktevergabe wird nochmal ein Anreiz geschaffen, dass sich die Studierenden intensiv mit den Modellen und ihrer richtigen Anwendung in den Videos der anderen Gruppen auseinandersetzen. Außerdem bekommen die jeweiligen Gruppen zahlreiches Feedback zu Inhaltlichem, aber auch zu Aufmachung, Präsentation, usw. , was bei einem Referat in der Gruppe nicht möglich gewesen wäre.

 

Zum Abschluss werden in der letzten Einheit die übergreifenden Probleme in den Videos nochmal aufgegriffen, die besten zwei Videos gezeigt und den Rest der Einheit können andere Dinge durchgenommen werden. Damit hat zwar jeder Studierende ein Referat gehalten, umfangreiches und detailliertes Feedback dazu erhalten und selbst mehrmals Feedback geben müssen, an Präsenzzeit in der Lehrveranstaltung hat es effektiv jedoch nur ca. eine halbe Einheit in Anspruch genommen.

 

4. Modell-Charakter der Online-Video-Referate

Die in diesem Dokument beschriebenen Online-Video-Referate können problemlos auf eine Vielzahl an Lehrveranstaltungen zu unterschiedlichsten Themen übertragen werden. Es können die Lehrveranstaltungen sein, die schon bisher Referate von Studierenden vorgesehen haben, aber auch Lehrveranstaltungen die Gruppenarbeiten bisher aus Zeitgründen oder den in Kapitel 1 beschriebenen Nachteilen nicht durchgeführt haben. Mit dieser Art der Vorstellung von Gruppenarbeiten könnten selbst in Großlehrveranstaltungen Referate durchgeführt werden, bei welchen dies zeitlich oder organisatorisch nie möglich gewesen wäre.

 

Die hier beschriebene Vorgehensweise nutzt die technischen Möglichkeiten des neuen WU Campus und der Weiterentwicklungen von Learn@WU optimal aus. Zusätzlich lernen die Studierenden mit neuen Technologien umzugehen und vor der Kamera online zu präsentieren. - eine Situation mit der sie in Zukunft auch in der Arbeitswelt immer öfter konfrontiert sein werden. Gleichzeitig verhindert eine Abgabe der Gruppenarbeiten in dieser Form aber einen anderen Nachteil der neuen Technologien. Die Videos sind nicht von Jahr zu Jahr oder Kurs zu Kurs kopierbar. Es müssen ja jeweils die Studierenden der Gruppe zu sehen sein und die Aufgabenstellungen ändern sich jedes Jahr leicht.

 

Bezogen auf die Lehrveranstaltung „Internationale Makroökonomik“ kann darauf hingewiesen werden, dass diese Form der Aufarbeitung der komplexen theoretischen Modelle (einmal in der eigenen Präsentation und dann als Korrektur in den anderen Videos) ein anderes Level an Verständnis von den Studierenden verlangt. Außerdem können die theoretischen Modelle so in fast spielerischer Form erarbeitet werden. Viele Gruppen haben die Aufgabenstellungen genutzt um sie sehr kreativ, aber inhaltlich trotzdem sehr gut, zu lösen (in Form von Nachrichtensendungen, Diskussionsveranstaltungen, usw.).

 

Anhang A5 zeigt ein paar Screenshots aus einer Auswahl an Videos, welche im Laufe der letzten Semester erstellt wurden.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.