Regionalentwicklung Sanna (Projektstudie)

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Mit der Veranstaltung sollte ein Projektauftrag, wie er auch an ein freiberufliches Team vergeben werden

könnte, möglichst realitätsnah simuliert werden. Realitätsnah sollten der Auftragsinhalt, die Projektplanung,

die notwendige Kooperation zwischen unterschiedlichen Fachrichtungen sowie das Projektergebnis

(Projektbericht) sein. Fachliche Kompetenz sollte gleichermaßen wie generische Kompetenz (Projektplanung,

Zeitmanagement, Kooperation, Präsentation) gefördert und vertieft werden.

Beschreibung

Der Fluss Sanna, als zentrales Element im Raum Landeck, ist hinsichtlich seiner Nutzung politisch umstritten, da einem ausgereiften Projekt für ein Kraftwerk eine Initiative für „sanftere“ Nutzungsformen, wie dem Wildwassersport gegenübersteht. Vor diesem Hintergrund sollten Studierende quer über Fach- und Fakultätsgrenzen hinweg, praxisnah und umsetzungsorientiert in einer interdisziplinären Projektstudie (PJ) das

Potential der Sanna für die zweite Nutzungsvariante ausloten und in einer „Ideenwerkstatt“ Bausteine entwickeln, die modular zu einem Gesamtangebot für die einheimische Bevölkerung und für Touristen/innen kombiniert werden können. Die Stadtgemeinde Landeck war am Projekt nicht nur unmittelbar interessiert, sondern finanzierte auch die zusätzlich entstandenen Kosten durch einen Projektauftrag.

In der PJ erarbeiteten die Studierenden ein Entwicklungskonzept, das auf zwei Säulen beruht: Dem Wildwassersport und einem Erlebnisweg mit besonderen Eigenschaften. Zu jedem Element wurden Referenzen für erfolgreiche Umsetzungen gesammelt, die Einzelvorschläge in ein Gesamtkonzept integriert und mögliche Kooperationspartner in der Region für die Errichtung und den Betrieb der Erlebnisbausteine identifiziert. Durch die Teamarbeit über die Fachgrenzen hinweg, den unmittelbaren Kontakt mit wichtigen Stakeholdern in der Region und die Aneignung neuer Kompetenzen, z.B. in Naturpädagogik und Erlebnistourismus, konnten die Studierenden sehr nahe an die Berufswelt herangeführt werden.

Das Projekt verfolgt zwei Ziele, ein inhaltliches und ein hochschuldidaktisches, die beide durch den Einsatz

neuartiger Lehrmethoden und einer hohen Ergebnisorientierung verknüpft sind.

 

Inhaltliches Ziel ist die Auslotung des Potentiales des Flusses Sanna bei Landeck als Naturerlebnisraum, sowohl

für touristische Zwecke, als auch als Naherholungsgebiet für die lokale Bevölkerung. Dafür sollten konkrete

Ideen entwickelt und evaluiert werden, die sich einerseits in ein Gesamtkonzept einfügen und die andererseits

auch einzeln für Fachplaner als Grundlage für ihre Arbeit herangezogen werden können. Anlass dazu war ein

Auftrag der Stadtgemeinde Landeck, die ganz bewusst Studierende und deren Innovationspotential einbinden

wollte.

 

Im Mittelpunkt der hochschuldidaktischen Ziele stand in erster Linie die Entwicklung und Erprobung eines

problemgeleiteten Studienelementes: Ausgangspunkt ist nicht ein Kanon von Wissen, das in einer Prüfung

abgefragt wird, sondern eine von einem externen Auftraggeber vorgegebenes Problemstellung, zu der -

aufbauend auf dem bereits im Studium erarbeiteten Grundlagen - das notwendige Wissen und die

notwendigen Methoden erst gesucht und erlernt werden müssen. Die „Lehrenden“ werden so zu

Konsulenten/innen der Studierenden, die mit einem Problem zu ihnen kommen, das sie lösen müssen. Die

Erfahrung hat gezeigt, dass damit die intrinsische Motivation der Studierenden sich auch mit „lästigen“

Methoden auseinander zu setzen, viel höher ist als bei anderen Unterrichtsformaten, sowie Selbststudium,

Aktivitäten und Eigenverantwortung in hohem Masse gefördert werden.

 

Das Projekt wurde absichtlich so gewählt, dass die notwendigen Aufgaben über das leistbare Arbeitsvolumen

einzelner Studierenden hinaus ging. Das Gesamtprojekt war so komplex, dass entsprechende Abstimmungen

und Interaktionen zwischen den Arbeitsgruppen notwendig waren. Damit sollte einerseits die Notwendigkeit

einer entsprechender Projektplanung (Netzplan, GANTT) und andererseits der Anreiz zur Stärkung der sozialen

Kompetenz (Kommunikation in der Gruppe, Kommunikation zwischen den Gruppen, Kommunikation mit den

involvierten Stakeholdern, Kommunikation mit externen Experten/innen und Kommunikation mit den

Lehrenden) gesetzt werden. Der Fokus auf die breite Kompetenzerweiterung und -vertiefung zielt ganz im

Sinne einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung auf eine Förderung der Gestaltungskompetenz aller

Beteiligten. Um den fachlichen und sozialen Kompetenzengewinn zu unterstützen und zu motivieren, wurden

von den Lehrveranstaltungsleitern/innen mehrere ExpertInnen und Stakeholder, wie z.B. der

Landesumweltanwalt von Tirol, der im Bereich der Naturpädagogik in Tirol aktivste Verein natopia, oder

Wildwasserexperten eingebunden. Der damit verbundene dialogische Austausch in den Lehr- und

Lernprozessen unterstütze das selbstorganisierte und selbstgesteuerte Lernen weit über das Ausmaß einer

„üblichen“ Lehrveranstaltung. Zudem konnten damit in idealer Weise Bezüge zwischen den wissenschaftlichen

Aspekten (z.B. der „Naturvermittlung“) und der Berufs- und Lebenspraxis hergestellt werden.

 

Phasen der Lehrveranstaltung:

 

Zu Beginn stand neben einer inhaltlichen Einführung in das Projekt, v.a. die Information über das

Lehrveranstaltungskonzept, den Ablauf der Lehrveranstaltung, sowie die Information über die Lernziele, die

erwarteten Lernergebnisse, den Workload und seine Verbindung zu den zu vergebenden ECTS.

In der Folge simulierten die Studierenden, wie man sich gegenüber einem/r potentiellen Auftraggeber/in

präsentieren kann und wie man sich auf ein Akquisegespräch vorbereiten würde. Dieser Teil wurde nicht real

durchgeführt, weil die „Auftragsvergabe“ bereits vorgelegen hat. Für ein derartiges Gespräch mit potentiellen

Auftraggebern ist eine gute Kenntnis des Projektgebietes und der Problemstellung nötig. Daher erfolgte die

Sammlung der Sekundärstatistiken zur Beschreibung des Umfeldes und des Status quo durch

Studierendengruppen. Parallel gab es eine kurze Einführung in die Methoden des Zeitmanagements und in die

Methode des qualitativen Interviews. Ersteres bildete die Grundlage für einen groben, zwischen den

Arbeitsgruppen abgestimmten Projektplan und Zweiteres war die Vorbereitung auf die Stakeholder Interviews.

In der nächsten Phase wurden die Sekundärdaten nach Themengebieten aufbereitet und präsentiert. In

intensiven Diskussionen wurden die Kernpunkte herausgearbeitet und erste Elemente für ein Nutzungskonzept

identifiziert.

 

Bei der Durchführung der Experten-Interviews (die Grenze zu Stakeholdern ist unscharf) war die Identifikation

der Personen, die Kontaktaufnahme, die Überzeugungsarbeit, um die Personen für das Interview zu gewinnen,

die Durchführung des Interviews und die Verdichtung der Ergebnisse, ein wichtiger Teil des Lernprozesses.

An diesem Punkt kristallisierten sich die beiden Hauptachsen des Projektes heraus: Wildwassersport und

„Erlebnisweg“. Zur Vertiefung des Themas konnten drei externe Experten gewonnen werden: Herr Ing. Günter

Kramarcsik übernahm die Leitung einer eintägigen Exkursion zur Sanna mit Zwischenstopp bei lokalen

Entscheidungsträgern und Verantwortlichen für den Rafting Tourismus. Herrn Mag. Wolfgang Bacher vom

Verein natopia gab eine Einführung in die Elemente der Umweltpädagogik. Ein praktischer, durch die

Lehrveranstaltungsleitung vorbereiteter exemplarischer Erlebnisparcours im Botanischen Garten der

Universität Innsbruck bot den Studierenden, neben zur Verfügung gestellter Literatur, die Möglichkeit das

Thema „Natur als Erlebnis“ praktischer zu vertiefen. Der Landesumweltanwalt Mag. Johannes Kostenzer führte

die Teilnehmer/innen (und die Lehrveranstaltungsleitung) schlussendlich in die Problematik von nachhaltigen

Regionalentwicklungsprojekten mit speziellem Bezug zu Fließgewässern ein und diskutierte insbesondere

Chancen und Hindernisse für deren Umsetzung vor der ganz konkreten politischen und gesetzlichen Lage Tirols.

Parallel wurde in der Lehrveranstaltung die Konzeption und Umsetzung einer Onlinebefragung auf der

Grundlage der Software Limesurvey eingeführt. Dies war als Grundlage für eine Bevölkerungsbefragung

bezüglich ihrer Präferenzen zur Nutzung der Sanna gedacht. Im Laufe des Projektes stellte sich heraus, dass der

Workload der Einzelpakte in der Planungsphase unterschätzt worden war. Daher wurde dieses Projektelement

nicht umgesetzt.

 

In der Folgephase wurden die beiden Aktivitätsstränge ausgearbeitet und in Einzelelemente zerlegt.

Gleichzeitig wurde ein einheitliches Berichtsraster für diese Elemente festgelegt, damit sie kohärent in ein

Gesamtkonzept eingebaut werden konnten.

 

Die Recherche zu den Einzelelementen in einzelnen Arbeitsgruppen, deren Präsentation und Diskussion im

Plenum, sowie die Integration in den Gesamtbericht schlossen die Projektstudie vorläufig ab. Die Präsentation

im Stadtgemeinderat im April 2016 steht noch an.

 

Ergebnisse:

 

Das materielle Ergebnis ist der rund 100 Seiten starke Projektbericht, der für „Projektneulinge“ eine mehr als

respektable Leistung darstellt. Er geht in seiner Kreativität weit über übliche Auftragsarbeiten hinaus. Wenn

auch nicht jede Idee bis ins letzte Detail ausgearbeitet wurde, so bietet der Bericht sowohl eine Grundlage für

anstehende politische Entscheidungen, als auch eine Ausgangsbasis für Fachplanungen (Radnetz,

Kinderspielplätze, Parkplätze, Bürgergärten, natur- und erlebnispädagogische Installationen, …).

Die Studierenden erlernten und vertieften praxisrelevante Kernkompetenzen im Zusammenhang mit der

Planung und Umsetzung von Regionalentwicklungs- und Umweltprojekten (Projektplanung, Zeitmanagement,

Kommunikation, etc.) und bekamen Einblick in moderne naturpädagogische Vermittlungsmethoden. Die

erlernten Inhalte und Methoden wurden dabei durch den Regional- und Praxisbezug, die Diskussion mit

Stakeholdern und der gezielte Auseinandersetzung mit einer konkreten und realen Problemstellung mit der

unmittelbaren Lebenswelt der am Projekt Beteiligten in Bezug gebracht. Dies ermöglichte und förderte

effiziente, kompetenzorientierte und alltagstaugliche Lernprozesse.

 

Reflexion:

 

Insgesamt hat die Projektstudie die Erwartungen mehr als erfüllt. Besonders positiv können die folgenden

Punkte hervorgehoben werden:

 

• Die Motivation der Studierenden war unglaublich hoch. Obwohl sehr rasch klar wurde, dass alle

Teilnehmer/innen die Projektstudie positiv abschließen würden, war die Selbstverpflichtung

gegenüber dem Auftraggeber und vor allem gegenüber den anderen Gruppenmitglieder so hoch, dass

auch in arbeitsintensiven Phasen keine „Durchhänger“ aufgetreten sind.

• Die technisch-methodischen Grundlagen (Zeitplanung, qualitatives Interview, online Befragung,

Grundlagen der Natur- und Umweltpädagogik) wurden als wertvolle Unterstützung für die Erreichung

der Projektziele empfunden. Dies zeigte sich auch in den intensiven und manchmal durchaus

kontroversen und emotionalen Diskussionen.

• Die Zusammenarbeit zwischen den Studierenden der beiden beteiligten Studien gestaltete sich

reibungslos und war wechselseitig bereichernd und förderte stark die Selbstorganisation der

Studierenden.

• Die Kommunikation mit den Experten/innen und der Austausch zwischen Studierenden und

Expert/innen, bzw. Stakeholdern im Rahmen der geführten Interviews hat außerordentlich gut

funktioniert. Zudem konnten die Studierenden ihr Wissen in einem praktischen Bezug einschätzen und

einsetzen, sowie konkrete Kontakte in einem relativ „geschützten Rahmen“ in ihrem potentiellen

zukünftiges Berufsumfeld knüpfen.

• Die Konfrontation mit einem realen Austragsprojekt und die Erwartungen an die Studierenden,

konkret verwertbare Ergebnisse für die Stadtgemeinde Landeck zu „erzeugen“ hat nicht nur zu einer

hohen intrinsischen Motivation und damit selbstständigen Umsetzung relevanter Tätigkeiten geführt,

sondern auch wesentlich zur Teamentwicklung beigetragen.

• Es zeichnet sich ab, dass die Teilnehmer/innen in einer zweiten Runde durchaus das in

Beratungsunternehmen geforderte Niveau einbringen könnten.

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Punkten, an denen dieses Konzept einer Projektstudie verbessert

werden könnte:

• Das Projektkonzept hat sich in der Umsetzung als zu breit erwiesen. Dies hat sich auch im Streichen

der Befragung der Bürger/innen Landecks gezeigt. Obwohl durch das breite Projekt und das

Unterschätzen der notwendigen Arbeitsleistung ein durchaus erwünschter „Aha - Effekt“ erzielt

wurde, werden wir in einer zukünftigen Projektstudie das Thema etwas enger fassen.

• Die Konzentration von Projektanalyse, Projektplanung, Erwerb notwendiger technischer

Kompetenzen, Erhebung der Informationen und Verdichtung der Ergebnisse in einem Bericht führt

innerhalb eines Semesters zu einem sehr dichten Zeitkorsett. Eine Verteilung der Veranstaltung über

zwei Semester, würde bei gleichem Arbeitseinsatz den Ertrag steigern.

• Die Kooperation von Studierenden zweier Standorte (Innsbruck und Landeck) war v.a. aus

organisatorischen Gründen schwierig. An diesem Punkt muss das Konzept geändert werden. Mehrere

gemeinsame Veranstaltungen und stärker gemischte Arbeitsgruppen, sollten den interdisziplinären

Mehrwert der Kooperation erhöhen. Hierzu kann auch die Einbindung neuer Medien verstärkt

angedacht werden.

• Die unterschiedlichen Formate der Projektstudie in den beiden Studienprogrammen erschwert die

Kooperation. Wenn man studienübergreifende Projektstudien fördern will, wäre ein Mindestmaß an

Standardisierung in den Studienplänen wünschenswert.

• Obwohl die Veranstaltung als sehr selbständiger Lernprozess konzipiert ist, ist zumindest für das

Bachelorstudium die Kontaktzeit mit einer SWS Präsenzzeit für 6 ECTS deutlich zu gering bemessen.

Dies wird für die nächste Überarbeitung des Studienplans in die Curriculum Kommission eingebracht

werden.

 

Insgesamt war die Veranstaltung als Pilotprojekt sehr anregend und jede Vorbereitungsstunde mehr als

gerechtfertigt. In der nächsten Phase wird versucht werden, den Schritt vom Prototyp zum „Serienprodukt“ zu setzen.

Positionierung des Lehrangebots

Das Lehrangebot ist jeweils im ersten Abschnitt des Bachelorstudiums Wirtschaft: Gesundheits- und Sporttourismus der Fakultät für Volkswirtschaftslehre und Statistik und im Masterstudium Ökologie und Biodiversität der Fakultät für Biologie angesiedelt.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.