Human Rights, Minority Protection and Conflict Management

Konzept

Ziele

Das Seminar „Human Rights, Minority Protection and Conflict Management“ ist eine Pflichtveranstaltung für Studierende des Interdisciplinary Joint Master Programme in Southeast European Studies (JM SEES). Das Seminar kann aber auch als Wahlfach im dritten Abschnitt des Studiums der Rechtswissenschaften belegt werden und wird (da in englischer Sprache angeboten) auch von Erasmusstudierenden verschiedener Studienrichtungen besucht. Im aktuellen Seminar sind Studierende folgender Studienrichtungen vertreten: Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie, Europäische Ethnologie, Wirtschaftswissenschaften, Geschichte, Internationale Beziehungen, Philosophie, Translationswissenschaften, Sprachwissenschaften, Journalismus. Die meisten sind bereits auf Masterniveau bzw. in einem fortgeschrittenen Stadium ihres Studiums, einige jedoch noch auf Bachelorniveau.

Mit einer derart diversen Studierendengruppe konfrontiert, hat es sich die Lehrende bei der Konzipierung der Lehrveranstaltung zum Ziel gemacht, ein Format zu finden, in dem es einen Austausch zwischen den Studierenden verschiedener Disziplinen gibt, sie voneinander lernen können und keine/r aufgrund geringerer Vorkenntnisse auf der Strecke bleibt, aber auch niemand unterfordert wird. Den Kern bilden dabei die interdisziplinär zusammengesetzten Teams.

Beschreibung

Das Seminar hat eine sehr heterogene Studierendenschaft, sowohl was die Studienrichtung als auch den Studienfortschritt angeht. Zentrale Säule des Konzepts ist daher die Arbeit in interdisziplinär zusammengesetzten Teams, in denen die unterschiedlichen Bildungsbiografien dazu beitragen, den Studierenden andere disziplinäre Zugangs- und Arbeitsweisen näher zu bringen. Die Mischung von Studierenden mit und solchen ohne bzw. mit weniger Vorkenntnissen fordert die einen, weil ihnen eine wichtige Aufgabe bei der Strukturierung der Gruppenarbeit zukommt, und fördert die anderen, weil ihnen nicht nur die Lehrperson, sondern auch ihre Teammitglieder für Fragen zur Verfügung stehen.

 

Das Seminar gliedert sich in vier Teile: einen Forschungsteil, zwei inhaltlichen Blöcken und einen Praxisteil, wobei die Grenzen zwischen den Teilen verwischen. Das Seminar ist sehr interaktiv, da der Input der Lehrperson durch die Präsentation der Gruppenarbeiten und Diskussionen ergänzt wird. Die Präsentationen umfassen kurze Arbeitsaufträge bezüglich ausgewählter Mechanismen im Menschen- und Minderheitenrechtsbereich sowie die Analyse verschiedener Dokumente des Europarats zu einem bestimmten Fall. Ein Rollenspiel bietet die Möglichkeit, Verhandlungs- und Argumentationskompetenzen zu trainieren. Ein Gastvortrag einer Person mit Wissenschafts- und Praxiserfahrung stellt eine weitere Methode dar, mittels derer die Verbindung zwischen Theorie und Praxis hergestellt wird.

Die Lehrende betrachtet es als ihre Aufgabe, den Lernstoff für die Studierenden so aufzubereiten, dass sie durch Anleitung zu selbst gesteuerten Lernprozessen möglichst umfängliches Fachwissen und analytische Fähigkeiten in ihr (Berufs)leben mitnehmen, sich grundlegende wissenschaftliche Arbeitstechniken aneignen und ihre sozialen Fähigkeiten entwickeln. Die studierendenzentrierte Auffassung der Lehre äußert sich darin, dass in der Lehrplanung versucht wird, die Perspektive der Studierenden einzunehmen, und gefragt wird, wie sie optimal das Relevante lernen können („shift from teaching to learning“).

 

Das Seminar „Human Rights, Minority Protection and Conflict Management“ hat das Ziel, den Studierenden die Menschen- und Minderheitenrechte durch die Auseinandersetzung mit den universellen und regionalen Schutzmechanismen der Vereinten Nationen, der OSZE, des Europarats und der EU näher zu bringen und ihnen dadurch die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie auf diesen Ebenen mit Konflikten in Bezug auf Menschen- und Minderheitenrechten umgegangen werden kann. Des Weiteren wird das breite Spektrum sprachlicher, schulischer und politischer Rechte von Angehörigen nationaler Minderheiten, das sich in verschiedenen nationalen Verfassungsordnungen findet, vor dem Hintergrund der supranationalen Normen diskutiert. Auf diese Weise werden Rechtsetzungs- und Überwachungsprozesse, die gegenseitige Befruchtung zwischen nationaler und supranationaler Ebene einerseits und zwischen den verschiedenen Organisationen andererseits erörtert, um zu beurteilen, ob sich eine „europäische“ rechtliche Regelung des Diversity Managements entwickelt.

 

Der inhaltliche Zuschnitt dieses Seminars wird wesentlich durch die Besonderheit bestimmt, dass ca. die Hälfte der Studierenden aus dem JM SEES kommt und dieses Seminar für sie zum Pflichtprogramm gehört. Diese Studierenden haben in der Regel vor, nach Abschluss des Studiums in Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene oder in internationalen Organisationen zu arbeiten. Sie können aber auch Berufsfelder im Bereich der wissenschaftlichen Forschung oder Beratung in Betracht ziehen. Gemeinsam ist ihnen das spezifische Interesse, Themen im südosteuropäischen Kontext aus der Perspektive verschiedener Wissenschaftsdisziplinen kennenzulernen. Die Fallstudien, die im Seminar behandelt werden, werden primär nach diesen Belangen, aber auch unter Berücksichtigung der Interessen der übrigen Studierenden ausgewählt.

 

Dem Anspruch der Lehrenden auf Transparenz entspricht es, dass sie den Studierenden in der Vorbesprechung zur Lehrveranstaltung nicht nur die erwarteten Lernergebnisse darlegt, sondern auch erklärt, welche studentischen Lernaktivitäten geplant sind, um sie dort hin zu führen. Die Lernergebnisse für das Seminar lauten folgendermaßen: Die Studierenden erhalten einen Überblick über die verschiedenen Instrumente zum Schutz der Menschen- und Minderheitenrechte und lernen anhand von Fallbeispielen, dieses Wissen in der Praxis anzuwenden. Sie wissen, wie sie nach Dokumenten der relevanten internationalen Organisationen suchen und können diese Dokumente vergleichend analysieren. Sie entwickeln ihre Fähigkeiten in der Forschung weiter, indem sie ein Forschungsdesign und eine Seminararbeit verfassen. Durch Teamarbeit verbessern sie ihre Planungs- und Organisationsfähigkeiten und ihre soziale und interkulturelle Kompetenz. Durch die interdisziplinäre Zusammensetzung der Teams lernen sie andere Herangehensweisen an Problemstellungen kennen. Durch die Vorstellung der Ergebnisse ihrer Gruppenarbeiten und die Durchführung eines Rollenspiels wird ihre Präsentations- und Verhandlungskompetenz gefördert.

 

Die gewählten Lehrmethoden, die von der Überzeugung geleitet sind, dass Studierenden am besten von dem lernen, was sie selber tun, fördern die aktive Beteiligung während des gesamten Lehrveranstaltungszeitraums. Zentral ist dabei die Arbeit in Gruppen, mit der sich die Studierenden auf die jeweiligen Einheiten vorbereiten. Bei der Zusammenstellung der Gruppen wird darauf geachtet, dass Studierende aus unterschiedlichen Disziplinen und unterschiedlichen Studienrichtungen zusammenarbeiten, damit sie die unterschiedlichen Herangehensweisen bei der Lösung eines Problems kennenlernen. Die Gruppenarbeit gewährleistet somit am besten, dass unterschiedliche Bildungsbiografien und unterschiedlicher Vorkenntnisse nicht zu einem Problem in der Lehrveranstaltung werden, sondern durch den Austausch in der Gruppe ein fruchtbringender Dialog, ein voneinander Lernen entstehen kann. Ein interdisziplinärer Ansatz erscheint vor allem auch deshalb sinnvoll, da den Herausforderungen beim Schutz der Menschen- und Minderheitenrechte nur durch das Zusammenwirken von Erkenntnissen, Maßnahmen und Herangehensweisen, die verschiedenen Disziplinen entspringen, zielführend begegnet werden kann.

 

Das Seminar gliedert sich in vier Teile: einen Forschungsteil (2 Einheiten), zwei inhaltlichen Blöcken (jeweils 3 Einheiten) und einen Praxisteil (2 Einheiten), wobei die Grenzen zwischen den einzelnen Teilen aber auch verwischen. Primäres Ziel des Forschungsteils ist es zunächst ganz zu Beginn des Seminars, alle Studierenden auf ein vergleichbares Niveau bezüglich der wichtigsten Stationen eines Forschungsprozesses zu bringen. Dies ist notwendig, weil manche der Studierenden zum ersten Mal eine Seminararbeit schreiben müssen, während sich andere (wie die Studierenden aus dem JM SEES) schon in zwei Lehrveranstaltungen davor mit Theorien und Methoden in der Forschung aus der Sicht verschiedener Disziplinen beschäftigt haben. Für diese Studierenden stellt es also eine Wiederholung dar, während sie den anderen Studierenden ihrer Gruppe, die in diesem Bereich noch weniger Erfahrung haben, ihr Wissen weitergeben können – also alle von der Arbeit in der Gruppe profitieren können. Zur Vorbereitung auf diese Einheit muss jede Gruppe einen Text zu einem forschungstheoretisch relevanten Thema lesen, ihn in der Gruppe reflektieren und ein Handout für die Mitstudierenden verfassen. In der Einheit präsentieren die Studierenden die wichtigsten Punkte des von ihnen gelesenen Textes und fassen die Ergebnisse auf einem Plakat zusammen. Alle Einzelpräsentationen (auf Flip-chart) und die Zusammenfassung werden den Studierenden in einer Fotodokumentation auf Moodle zur Verfügung gestellt. In den darauffolgenden inhaltlichen Einheiten haben die Studierenden die Möglichkeit, sich jeweils Gedanken über ein Thema bzw. schon konkreter über eine Forschungsfrage zu machen, die sie am Ende des Seminars in einer Seminararbeit ausarbeiten und beantworten. Diese Themen/Forschungsfragen werden am Ende jeder Einheit gesammelt, um so einen Pool zu kreieren, aus dem die Studierenden zu gegebenem Zeitpunkt schöpfen können. Nach dieser Einheit des Forschungsteils wissen die Studierenden, aus welchen wesentlichen Elementen ein Forschungszyklus besteht und welche Komponenten in einem research proposal vorkommen. Ein solches müssen sie für eine Einheit nach den inhaltlichen Blöcken individuell vorbereiten, können es in der Gruppe präsentieren und bekommen so das Feedback der Mitstudierenden. Sie erhalten aber auch von der Lehrenden ein detailliertes schriftliches Feedback zum Forschungsvorschlag und können bei Bedarf individuelle Besprechungstermine vereinbaren.

 

Im ersten inhaltlichen Block geht es darum, die Studierenden mit den verschiedenen Instrumenten und Überwachungsmechanismen im Menschen- und Minderheitenrechtsbereich auf universeller und regionaler Ebene vertraut zu machen. Da es den Rahmen eines Seminars sprengen würde, sich mit allen zu befassen, wird eine der Gruppenzahl entsprechende Anzahl an Mechanismen ausgewählt. Jedes Team sucht sich einen Mechanismus aus und recherchiert ausschließlich über die relevante Internetseite die Antworten auf vorbereitete Leitfragen zu den Themen rechtliche Rahmenbedingungen, Mandat, Zusammensetzung des Mechanismus und Arbeitsweise sowie zu den konkreten Inhalten der Tätigkeit des Mechanismus. Durch diese Vorgehensweise lernen sie nicht nur, durch eigenständige Recherche Antworten zu finden, sondern auch, wie sich dieser Mechanismus in das Gesamtgefüge der jeweiligen Organisation einordnet. Nach den Kurzpräsentationen in den Einheiten leisten die darauffolgende Diskussion und der Input der Lehrperson einen weiteren Beitrag in diese Richtung.

 

Der zweite inhaltliche Block geht dann bezüglich zweier dieser Mechanismen in die Tiefe. Es handelt sich dabei um den Beratenden Ausschuss zum Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten und das Expertenkomitee zur Europäischen Charta für Regional- oder Minderheitensprachen (Sprachencharta). Der Dialog zwischen diesen Mechanismen und einer Gruppe ausgewählter Länder wird im Detail analysiert. Die Länder sind dem oben besprochenen Zuschnitt entsprechend primär Länder aus Südosteuropa, in Absprache mit den Studierenden werden aber auch andere Länder behandelt. Der Fokus der Gruppenarbeiten liegt darauf, durch die Analyse der Staatenberichte, Stellungnahmen der Mechanismen und Kommentare der Regierung über mehrere Kontrollzyklen hinweg einerseits einen Einblick in die sprachlichen, schulischen und politischen Rechte von Angehörigen nationaler Minderheiten in diesen Ländern zu bekommen und verfassungsrechtlich einzuordnen. Andererseits soll eine vergleichende Analyse der Qualität des Dialogs sowie des konkreten Einflusses der Arbeit dieser beiden Mechanismen angestellt werden. Für diesen Teil des Seminars kann im laufenden Semester auf erste Ergebnisse einer Studie zurück gegriffen werden, die die Lehrende gemeinsam mit KollegInnen des Zentrums für Südosteuropastudien im Auftrag des Europarats erstellt. In der Studie geht es um „best practices“ im Minderheitenschutz auf lokaler Ebene in sieben südosteuropäischen Ländern und um die Frage, wie diese mit den Stellungnahmen der hier behandelten Mechanismen korrelieren. Außerdem wird eine Kollegin aus dem Zentrum kurz über ihre Teilnahme an der OSZE-Konferenz zum 20. Geburtstag der Haager Empfehlungen zu den Bildungsrechten nationaler Minderheiten berichten, was den Studierenden einen Einblick in aktuell debattierte Fragen in diesem Bereich bietet.

 

In beiden inhaltlichen Blöcken arbeiten die Studierenden also anhand von Primärquellen. Zur Erleichterung der Arbeit an Forschungsvorschlag und Seminararbeit wird nach Abschluss des jeweiligen Blockes auch weiterführende Literatur genannt bzw. zugänglich gemacht. Durch die interdisziplinäre Zusammenstellung der Teams hat jede/r Studierende die Möglichkeit, Stärken einzubringen und von denen anderer zu lernen. Durch die Diskussion während der Einheit und in den Teams soll zudem erreicht werden, dass das Fachwissen im Themenbereich des Seminars am Ende vergleichbar ist, wenn auch die Herangehensweise beim Verfassen der Seminararbeit weiterhin von disziplinärer Tradition geprägt sein wird.

 

Im vierten und letzten Teil des Seminars, dem Praxisteil, ist ein Rollenspiel geplant. Auf Basis des bis dahin erworbenen Wissens erarbeiten die Teams Verhandlungs- und Argumentationsstrategien für die Regierung, für eine Vertretung von Angehörigen einer nationalen Minderheit und für den Beratenden Ausschuss zum Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten. Im Rollenspiel werden diese Strategien ausprobiert. In der letzten Einheit wird ein/e Experte/Expertin eingeladen, der/die wissenschaftlichen Zugang mit praktischer Erfahrung in der Arbeit eines der untersuchten Mechanismen auf sich vereint. Für das aktuelle Semester konnte dafür das ehemalige österreichische Mitglied im Expertenkomitee der Sprachencharta gewonnen werden. Die Studierenden haben dadurch die Möglichkeit, sich in der Diskussion mit einem Experten/einer Expertin auseinanderzusetzen, ihre Forschungsfrage zu verfeinern und Verknüpfungen zwischen Theorie und Praxis herzustellen.

 

Für den positiven Abschluss des Seminars schreiben die Studierenden eine Seminararbeit auf Basis des Forschungsvorschlags, den sie präsentiert haben. In die Benotung fließt aber auch ihre Performance bei den Präsentationen und dem Rollenspiel, die Qualität ihrer Handouts und ihre Beteiligung an den Diskussionen ein.

 

Nachdem es sich bei der vorgelegten Lehrveranstaltung um ein Konzept handelt, das zum erstem Mal in dieser Form durchgeführt wird, ist es der Lehrenden wichtig, nicht erst am Ende der Lehrveranstaltung das Feedback der Studierenden einzuholen, sondern bereits währenddessen. Zu diesem Zweck wurde zur Halbzeit des Seminars ein Teaching Analysis Poll (TAP) eingeplant, bei dem die Studierenden in Abwesenheit der Lehrenden mit einer dritten Person darüber reflektieren, wodurch sie in der Lehrveranstaltung am meisten lernen, was ihr Lernen erschwert und was dazu beitragen kann, ihr Lernen im Seminar zu verbessern. Basierend auf diesen Rückmeldungen können im Verlauf des Semesters noch Änderungen und Anpassungen vorgenommen werden.

Positionierung des Lehrangebots

mehrere Master; Diplom Rechtswissenschaften

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.