Discover New Horizons: Festival Studies @ FH Kufstein Tirol – Lehrveranstaltung mit integriertem Symposium

Konzept

Ziele

Festival Studies sind ein noch junges Forschungsfeld, um sowohl den unterschiedlichen Sparten des Kulturbetriebs als auch dem Erfahrungswissen von FestivalleiterInnen und KünstlerInnen, das in der Literatur erst bruchstückhaft aufgegriffen wird, gerecht zu werden, wird ein dreitägiges Symposium mit internationalen ReferentInnen in die Lehrveranstaltung integriert. Den Studierenden sollen so Forschungsprozesse, Interdisziplinarität und Applikationskompetenz näher gebracht werden.

Beschreibung

Festival Studies sind ein junger interdisziplinärer Forschungsbereich zwischen Kulturmanagement, Kulturwissenschaft, Soziologie und Destinationsmanagement. Im Kulturmanagement werden künstlerisch-kulturelle Festivals als Format mit spezifischen Funktionen und Wirkungspotenzialen anerkannt und beforscht (de Valck 2007, Teissl 2013), Erfahrungswissen spielt für die Theorienbildung eine große Rolle. Die Lehrveranstaltung Festivals Studies findet zum ersten Mal im Sommersemester 2016 im Rahmen des englischsprachigen Masterstudiengangs Sport-, Kultur- und Eventmanagement statt. Nach einer Einführungsvorlesung findet ein für die Lehrveranstaltung konzipiertes, integriertes Symposium statt: An drei aufeinanderfolgenden Tagen werden in KeyNotes mit anschließenden Q&As und interaktiven Seminaren die Rolle von Festivals für Internationalisierungsprozesse (künstlerischer, kultureller Austausch) von TheoretikerInnen und PraktikerInnen vermittelt. Die Vortragenden sind internationaler Herkunft (Deutschland, China, Frankreich, Niederlande, Italien, Großbritannien) und decken unterschiedliche Institutionen und Sparten ab: Neben Theater-, Film-, Musikfestivals, Biennalen und der Europäischen Kulturhauptstadt werden die Rollen der Förderprogrammen und Dachverbände beleuchtet. Durch den Mix aus UniversitätsprofessorInnen und PraktikerInnen wird theoretische Reflexion mit der Weitergabe von Erfahrungswissen kombiniert. Das Symposium findet in Kooperation mit dem Goethe Institut statt.

Mit der Aufnahme der Lehrveranstaltung „Festival Studies“ (integrated lecture) in das Curriculum des englischsprachigen Masterstudiums Sports, Culture & Eventsmanagement an der FH Kufstein Tirol wurde der steigenden Bedeutung des Forschungs- und Lehrfeldes „Festivals“ ebenso Rechnung getragen wie der Internationalität des Studiengangs, der im Herbst 2015 startete. Der Studiengang wird von Prof. Dr. Robert Kaspar geleitet, von dem auch die Anregung zur besonderen Gestaltung des Seminars „Festival Studies“ stammt. Geleitet und konzipiert wird die Lehrveranstaltung von Prof. (FH) Dr. Verena Teissl. Sie trug mit der Buchpublikation „Kulturveranstaltung Festival. Formate, Entwicklung und Potenziale“ (2013, Bielefeld: transcript) zur Theorienbildung von Festivals im Bezugsrahmen der künstlerischen Sparten (Bildende Künste, Darstellende Künste, Theater, Musik, Film) bei.

 

Ausgangslage und Konzept

 

Als besondere Herausforderung für die Lehrveranstaltung stellte sich die Tatsache dar, dass Festivals zwar bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts ein etabliertes Format in der Praxis des Kulturbetriebs sind (Valck 2007, Teissl 2013a), die theoretische und fachliche Auseinandersetzung jedoch erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts an Stellenwert gewinnt (Getz 2010). Festival Studies sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld: Die zentralen Fächer, in denen empirische Forschung und Theorienbildung betrieben werden, sind Eventmanagement, Kulturmanagement und Tourismusforschung. Wichtige Bezugsdisziplinen sind außerdem die Kulturwissenschaft sowie die Kunstgeschichte, die Literatur-, Theater- und Musikwissenschaft sowie die Filmtheorie. Es gibt dabei keine einheitliche Definition von Festivals, diese ist vielmehr abhängig von der gewählten wissenschaftlichen Perspektive und wird auch in der kulturellen Praxis unterschiedlich gehandhabt. Zu den gängigen Forschungsinteressen in Bezug auf Festivals zählen organisatorische Herausforderungen sowie gesellschaftliche und ökonomische Wirkungspotenziale.

Aufgrund der Neuheit der Festival Studies und der langjährigen Tradition von Festivals ist grundsätzlich ein Gap zwischen Fachliteratur und Erfahrungswissen festzustellen. Die Forschungsstände zu den Festivaltypen innerhalb der Sparten sind unterschiedlich stark ausgeprägt. Während Filmfestivals intensiv beforscht werden, sind zwar Biennalen und Theaterfestivals sowie andere festivaleske Veranstaltungen der Bildenden und Darstellenden Künste in einem geringeren Maße beforscht, rücken jedoch in zunehmenden Maße in den Blickpunkt hochkultureller Kulturforschung (Filipovic, Hal et al 2010). Hingegen werden Musikfestivals im Bereich Pop- und Rock meist in Zusammenhang mit Jugendkulturen und Publikumsforschung betrachtet, seltener hinsichtlich gesellschaftlicher oder künstlerischer Aspekte.

Die Lehrveranstaltung wurde nun so konzipiert, dass nach einer fünfstündigen Einführung in die Grundlagen der Festival Studies mit Fokus auf die künstlerisch-kulturellen Festivaltypen aller Sparten ein dreitägiges Symposium stattfindet. KeyNotes und interaktive Seminare („talks“) von TheoretikerInnen und PraktikerInnen sollen so Knowhow-Transfer auf pluralistische und diskursive Weise ermöglichen. Erfahrungswissen von FestivalleiterInnen und KünstlerInnen sowie die empirische Forschung von WissenschaftlerInnen stehen im Mittelpunkt des Knowhow-Transfers. Das Thema des Symposiums ist Internationalisierung, also der Beitrag von Festivals zum kulturellen Austausch, sowie förderliche und hinderliche Rahmenbedingungen dazu. Die Vortragenden kommen aus China, Italien, Frankreich, Deutschland, Südafrika/Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Argentinien/Spanien. Berücksichtigt sind in der Auswahl bewusst Zusammenhänge, die in der Literatur oft vernachlässigt werden, wie die Rollen von Dachverbänden und Förderprogrammen. Doch auch Selektionsmechanismen vor kulturellen Unterschieden, das Nord-Süd-Gefälle und US-Dominanzen werden thematisiert.

Das Symposium soll jedes Jahr unter unterschiedlichen Themenschwerpunkten gestaltet werden. Zum Themenschwerpunkt Internationalisierung durch Festivals 2016: Internationalisierung ist eine der drängendsten Anliegen im aktuellen (europäischen) Kulturbetrieb. Dabei sind zwei Ausrichtungen zu unterscheiden: zum einen die Internationalisierung von europäischen (Festival)programmen abseits von westlicher Kulturdominanz, zum anderen die Internationalisierung des Formats „Festival“ selbst und der dadurch geprägte Kulturaustauch auf globaler Ebene. Tatsächlich zählen Festivals zum Pionierformat für Internationalisierung in beiden Bedeutungen, wobei besonders den Film- und Musikfestivals diese Rolle zufällt. Bereits ab den 1950er Jahren wurden in Cannes und Venedig regelmäßig VertreterInnen des Weltkinos präsentiert, es folgte die Öffnung der Berlinale in den 1980er Jahren. Ebenfalls in den 1950er Jahren entstanden in Lateinamerika, Asien und Afrika Film- und Musikfestivals. Hingegen breiten sich Biennalen erst seit rund 15 Jahren im globalen Raum aus und den ersten Internationalisierungsschub erlebte das Programm der documenta Kassel erst mit der Intendanz von Okwui Enwezor Anfang des 21. Jahrhunderts. Der Fokus „Internationalisierung durch Festivals“ nimmt Rahmenbedingungen, Auswirkungen, Visionen der Rolle von Festivals für Internationalisierung in den Blick.

Das Symposium findet in Kooperation mit dem Goethe Institut statt, dessen internationales Netzwerk und Engagement für Kultur und Entwicklung wesentlich zur Qualität und Internationalität der Vortragenden beitrug.

Zur Unterstützung der fachlichen Qualität wurde außerdem ein Board eingesetzt, das beratende und vernetzende Funktionen übernimmt und in dem auch eine studentische Vertreterin agiert: Imke Grimmer (Referentin Bereich Bildung und Diskurse, Goethe-Institut), Christine Dollhofer (Intendantin Crossing Europe Linz), Ulrich Fuchs (Deputy General Director and Program Director Linz09, Marseille-Provence 2013), Lea Anwander (FH ÖH-Kulturreferentin)

Die KeyNotes sind außerdem für eine interessierte Öffentlichkeit zugänglich, eingeladen werden besonders LeiterInnen und MitarbeiterInnen von Festivals im Einzugsbereich der FH Kufstein Tirol. Die „talks“ sind exklusiv für die Studierenden.

 

 

Durch Forschung geleitete Lehre und Kompetenzorientierung

 

Das Format eines Symposiums ermöglicht es zum einen, die Vielfalt der künstlerischen Sparten und Forschungsansätze in verdichteter und diskursiver Form aufzubereiten. Anstatt einer additiven oder linearen Darstellung von Sparten und Ansätzen, ermöglicht das Symposium einen direkten interdisziplinären Austausch. Durch die Miteinbeziehung von PraktikerInnen fließt Erfahrungswissen in die Diskussion ein. Dies erscheint insbesondere für die Aufnahme von Themengebieten und Zusammenhängen zielführend, die in der Fachliteratur noch unterrepräsentiert sind. Dies trifft u.a. auf die Vorträge von Peter Smidts (Amsterdam) zu europäischen Musikfestivals zu, der auf die Aktivierungspotenziale von Förderprogrammen zur Stärkung europäischer KünstlerInnen eingeht, sowie auf die Beiträge von Qui Ciao (Peking), die von den Herausforderungen der kulturellen Differenz zwischen China und Europa für Programmauswahl erzählt. Mit Ulrich Fuchs (Europäische Kulturhauptstädte) und Lindiwe Dovey (SOAS Universität London) fließen empirisch gestützte Erkenntnisse zur Internationalisierung durch Festivals ein. Schließlich eröffnet der Beitrag des Künstlers Adrian Schvartzberg (Argentinien/Spanien) Einblicke in das Erleben eines Kreativen, der auf der ganzen Welt auftritt.

Durch diese Anordnungen sollen die Studierenden in besonderem Maße theoretisches Wissen und praktische Erfahrung als Applikationskompetenz zusammenführen können.

Die Studierenden sind in das Symposium für Q&As und die Aufbereitung des Plenums eingebunden.

 

 

Ausgewählte Quellen:

D’Astous, A., Colbert, F., & dAstous, E. (2006). The personality of cultural festivals: Scale development and applications. International Journal of Arts Management, 8 (2), 14-23.

Enwezor, Okwui (2002): Mega Exhibitions and The Antinomies of a Transnational Global Form, Fink Verlag

Evans, O. (2007). Border exchanges: The role of the European Film Festival. Journal of Contemporary European Studies, 15 (1), 23-33.

Getz, Donald (2001): Festival places: A comparison of Europe and North America. Tourism, 49 (1), 3-18.

Getz, Donald (2010): The nature and scope of festival Studies, International Journal of Event Management Research.

Filipovic, E., Van Hal, M., Øvstebø, S., (et. al) (Hg.) (2010): The Biennial Reader. Hatje Cantz-Verlag: Bergen & Ostfildern

Iordanova, Dina (ed.) (2009): The Festival Circuit, St. Andrew Film Studies

Moscardo, G. (2007). Analyzing the role of festivals and events in regional development. Event Management, 11 (1/2), 23-32.

Teissl, Verena (2013a): Kulturveranstaltung Festival. Formate, Entwicklung und Potenziale. Bieleld: transcript

Teissl, Verena (2013b): How and Why Film Festivals Contributed and Contribute to the Reception of the Latin American Film, in: Maurer Queipo, Isabel (Hg.): Directory of World Cinema: Latin America. Bristol/Chicago: Intellect publishing, P. 20-27

Valck, Marijke de (2007): Filmfestivals: From European Geopolitics to Global Cinephilia: University Press of Amsterdam

Positionierung des Lehrangebots

2.Semester des FH-Masterstudiengangs Sports, Culture & Event Management (in englischer Sprache)

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.