Sprachenübergreifende Lehre in der Fremdsprachendidaktikausbildung – ein forschungsbasiertes Kooperationsprojekt

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Das forschungsbasierte Kooperationsprojekt in der Fachdidaktikausbildung künftiger Fremdsprachenlehrpersonen zielt darauf ab, der immer noch vorherrschenden monolingualen Ausrichtung des schulischen Fremdsprachenunterrichts entgegenzuwirken und den Fokus auf einen multilingualen Zugang zu legen, der sowohl die lebensweltliche als auch die schulische Mehrsprachigkeit der Lernenden nutzt. Die Innovationskraft des Projekts resultiert aus der Kooperation einzelphilologischer Fremdsprachendidaktiker/innen mit universitärem Forschungshintergrund und der Zusammenarbeit dieser mit in der Schulpraxis tätigen Fremdsprachenlehrer/innen. Damit werden zahlreiche Synergien genutzt, die sich insbesondere in zwei sprachenübergreifenden Lehrveranstaltungen, begleitet von sprachspezifisch und schulpraktisch orientierten Kursen, der Fachdidaktikausbildung für die Unterrichtsfächer Englisch, Französisch, italienisch, Russisch und Spanisch zeigen. Das hier eingereichte Projekt bezieht sich auf einen der beiden sprachenübergreifenden Kurse, nämlich „Einführung in die Didaktik des Fremdsprachenunterrichts“, sowie auf dessen sprachspezifische Begleitkurse in den genannten Fächern. Die Kooperation im Lehreprojekt hat zu Forschungskooperationen in der Fremdsprachendidaktik geführt, die international Beachtung finden und u.a. auch die Betreuung von fremdsprachendidaktischen Abschlussarbeiten vorangetrieben und professionalisiert haben.

Beschreibung

Das Projekt setzt eine sprachenübergreifende Ausbildung für künftige Fremdsprachenlehrer/innen in den Unterrichtsfächern Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Spanisch seit 2002 erfolgreich um. Durch seine, mehrsprachigkeitsdidaktischen Ansätzen verpflichtete, Grundlage greift es lebensweltliche und schulische Mehrsprachigkeit in der Ausbildung auf und nutzt diese für den schulischen Fremdsprachenunterricht. Damit wird das seit langem überholte „Normalitätskonstrukt Einsprachigkeit“ in der Ausbildung durchbrochen und ein multilingualer Habitus generiert. Die wissenschaftlich gut untermauerte These, dass dem Unterricht jeder Fremdsprache gleiche Prinzipien und Theorien zugrunde liegen, bietet eine gesicherte Basis für das Lehreprojekt, das sich mittlerweile als Innsbrucker Modell der Fremdsprachendidaktik (IMoF) national und international einen Namen gemacht hat. So weist der Länderbericht an den Europarat zur Sprach- und Unterrichtspolitik in Österreich das Modell als Gesamtsprachenkonzept aus, das durch die sprachenübergreifende Zusammenarbeit und die Anwendung von Team-Teaching mit Vorbildcharakter für die spätere Kooperation von Fremdsprachenlehrer/innen Synergieeffekte multiperspektivisch nutzt. Durch die Verbindung sprachenübergreifender Kurse, an denen Studierende der genannten Fremdsprachen gemeinsam teilnehmen, und einzelsprachlicher Begleitworkshops gelingt die Vernetzung forschungs- und theoriegeleiteter Lehre mit schulpraktisch orientierten Kursen.

Das Kooperationsprojekt ist kompetenzorientiert ausgerichtet und basiert auf folgenden Prinzipien:

 

o Prinzip der forschungsbasierten, theoriegeleiteten Lehre und der transparenten Leistungsbewertung

o Prinzip der Mehrsprachigkeit als Mehrwert für den schulischen Fremdsprachenunterricht

o Prinzip des Team-Teaching, das im Team-Learning seine Entsprechung auf Seite der Studierenden findet.

 

Zudem greift das Projekt die Heterogenität von Lerngruppen auf und erfährt durch gezielte Begleitforschung (Hirzinger-Unterrainer 2013, 2014a, 2014b, Hinger 2016) kontinuierlich Modifikationen.

 

Der sprachenübergreifende Kurs „Einführung in die Didaktik des Fremdsprachenunterrichts“ orientiert sich an Forschungserkenntnissen und Theorien zum Fremdsprachenlehren und -lernen, die den Prämissen eines handlungsorientierten, schüler/innenzentrierten und kommunikativen Fremdsprachenunterrichts in einer mehrsprachigen Gesellschaft gerecht werden. Im Fokus stehen innovative, an der Spracherwerbs- und Sprachlehr-/-lernforschung ausgerichtete Inhalte, wie sie u.a. auch der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GERS) beschreibt. Konkret betrachtet werden im Kurs methodische, curriculare, lernersprachliche, motivationale, interkulturelle und multilinguale Aspekte des Fremdsprachenunterrichts sowie aktuelle Ansätze der Mediendidaktik. Die von den Studierenden zu erreichenden Lernziele orientieren sich am Kompetenzprofil des Europäischen Portfolios für Sprachlehrende in Ausbildung (EPOSA) und werden anhand verschiedener Bewertungsmodalitäten kriterienorientiert überprüft. Dabei stehen in einem schriftlichen Test und in einer mündlichen Prüfung Wissens- und Verstehensdimensionen im Zentrum, während in schriftlichen wissenschaftlichen Arbeiten – die individuell und in sprachenübergreifenden Gruppen durchzuführen sind – Anwendungskompetenz zu zeigen ist. Die eingesetzten Bewertungskriterien und -instrumente werden von den Lehrenden kooperativ entwickelt und kontinuierlich überarbeitet. Transparenz in der Leistungsbewertung ist für die Studierenden dadurch gewährleistet, dass in der ersten Einheit der Lehrveranstaltung sämtliche Leistungen, die für die Absolvierung des Kurses zu erbringen sind, erläutert und die Bewertungskriterien samt Erklärungen und Punktevergabe vorgestellt werden. Diese Informationen werden bereits vor Kursbeginn auf die elektronische Lernplattform OLAT gestellt und sind für die Studierenden damit kursbegleitend zugänglich und ständig einsehbar, was im gleichen Ausmaß auch für die sprachspezifischen Begleitkurse gilt.

 

Das Prinzip der Mehrsprachigkeit als Mehrwert für den schulischen Fremdsprachenunterricht baut auf Forschungserkenntnissen auf, die zeigen, dass rein einsprachig ausgerichtete Ausbildungsmodelle monolinguale Zugänge zum schulischen Fremdsprachenunterricht verfestigen. Demgegenüber ist der im Kooperationsprojekt gewählte sprachenübergreifende Ansatz in der Lage, einen multilingualen Habitus für den schulischen Fremdsprachenunterricht zu generieren und damit die schulische wie die lebensweltliche Mehrsprachigkeit von Lernenden zu nutzen und zu fördern. In ihrer Doktorarbeit, die das Ausbildungsmodell aus Sicht der Studierenden anhand quantitativer und qualitativer Forschungszugänge analysiert, konnte Hirzinger-Unterrainer (2013) zeigen, dass der sprachenübergreifende, an Mehrsprachigkeit orientierte Ansatz des Kooperationsprojekts in der Lage ist, multilinguales Denken der Studierenden zu initiieren. Von Studierenden wird dies beispielsweise wie folgt beschrieben: „Diese Art von Lehrveranstaltung war eine völlig neue Erfahrung für mich, da Mehrsprachigkeit und Zusammenhalt der Sprachen bis jetzt noch in keiner Univeranstaltung, die ich besucht habe, dermaßen thematisiert wurde. Normalerweise kocht jeder sein eigenes Süppchen, ...“. Die gemeinsam zu besuchende sprachenübergreifende Lehrveranstaltung erlaubt es quasi in Echtzeit, Erfahrungen und Einsichten des Französischstudenten jenen der Englischstudentin gegenüberzustellen, diese gemeinsam zu analysieren und auf der Basis von Forschungsergebnissen zu diskutieren. Damit wird ein grundlegendes Postulat der Mehrsprachigkeitsdidaktik, nämlich die „Aktivierung des 'Zwischen-Sprachen-und-Kulturen-Gemeinsamen'“, wie Meißner es ausdrückt, durch das Projekt erfüllt.

 

Der sprachenübergreifende Kurs bietet durch die Kooperation der Fachdidaktikexpert/innen der Einzelphilologien auch die Möglichkeit zur Realisierung des dritten Projektprinzips: das Team-Teaching. Dieses Konzept zeichnet sich in der „Einführung in die Didaktik des Fremdsprachenunterrichts“ durch gemeinsame Planung, Durchführung und Bewertung des Kurses aus. Demgegenüber werden die sprachspezifischen Begleitkurse zwar ebenfalls im Team geplant, jedoch individuell durchgeführt. Die Leistungsanforderungen, die die Studierenden zu erbringen haben, werden aber auch für die Begleitkurse im Team festgelegt. Die Bewertung selbst obliegt in diesen Kursen jedoch wiederum den einzelnen Kursleiter/innen und erfolgt individuell. Diese unterschiedlichen Kooperationsformen lassen sich anhand eines Kontinuums darstellen: Während die „Einführung in die Didaktik des Fremdsprachenunterrichts“ einen hohen Kooperationsgrad aufweist und am oberen Ende dieses Kooperationskontinuums angesiedelt ist, zeichnen sich die sprachspezifischen Begleitkurse durch einen niederen Kooperationsgrad aus, der sie ans untere Ende des Kontinuums stellt. Diese unterschiedlichen Kooperationsformen sollen durch eine postulierte Modellwirkung Studierende dazu anregen, im später von ihnen in der Schule durchgeführten Fremdsprachenunterricht auf eine Zusammenarbeit sowohl mit Kolleg/innen des eigenen Sprachfachs (wie in den NMS im Englischunterricht mittlerweile für diesen Schultyp umgesetzt) als auch mit jenen anderer Sprachfächer zu setzen, und Fremdsprachenunterricht damit durch kooperative Sprach(en)teams zu einem mehrsprachigen Unterfangen machen. Dass sich dieses konkrete Übertragungs- und Anwendungspotential den Studierenden allerdings erst durch explizites Sichtbarmachen von Team-Lernprozessen zu erschließen scheint, konnte Hirzinger-Unterrainer (2014a, 2014b) in einer Folgestudie zu ihrer Dissertation nachweisen. Sie konzipierte eine quasi-experimentelle Untersuchung, in der eine Gruppe von Studierenden ein Semester hindurch laufend explizite Erklärungen zur schriftlichen Gruppenarbeit erhält, während eine weitere Gruppe von Studierenden bei der Erarbeitung der Gruppenarbeit auf sich selbst gestellt ist. Die Ergebnisse zeigen, dass Studierende, denen die Gruppenarbeit während des Semesters laufend explizit erläutert wird, diese signifikant stärker als positive Herausforderung sehen als Studierende, denen die Gruppenarbeit lediglich in der ersten Kurseinheit vorgestellt wird und die im Laufe des Semesters mit ihrer Arbeit im Team unter sich zurecht zu kommen haben. Ebenso sind Studierende, die bei ihrer Teamarbeit explizit begleitet werden, in signifikant größerem Ausmaß in der Lage, sich gegenseitig konstruktives Feedback zu geben, und geben auch an, effizienter mit den anderen Gruppenmitgliedern kooperieren zu können. Des Weiteren sagen diese Studierenden, dass sie deutlich lieber in der Gruppe arbeiten und teamorientierte Aufgabenstellungen in ihrer späteren Tätigkeit als Lehrperson als sinnvoller erachten als jene Studierende, die keine explizite Begleitung während ihrer Gruppenarbeit erhalten. Interessanterweise können sich Studierende, die explizit begleitet werden, auch eher vorstellen, in ihrem späteren Beruf Team-Teaching durchzuführen. Lediglich die Bereitschaft zur Kooperation mit anderen Sprachlehrkräften im späteren Berufsumfeld weist in beiden Gruppen ähnlich hohe Werte auf. An einer entsprechenden Umsetzung dieser wichtigen Forschungsergebnisse im Sinne einer expliziten Begleitung der Teamarbeit von Studierenden wird aktuell gearbeitet.

 

Die weitere schriftliche Aufgabe, die Studierende einzureichen haben, wird von diesen individuell bearbeitet. Während des Erarbeitungsprozesses wird den Studierenden die Möglichkeit geboten, Teile der Arbeit als Entwurf freiwillig abzugeben. Der Entwurf wird vom Lehreteam korrigiert sowie mit schriftlichen Rückmeldungen versehen, die auf den – später zur Bewertung herangezogenen – Evaluierungskriterien basieren. Damit einher geht die Möglichkeit für Studierende, nach Erhalt der Rückmeldungen zu ihren Entwürfen das persönliche Gespräch mit den Lehrenden zu suchen. In diesem werden Potentiale zur Verbesserung der Arbeiten konkret diskutiert. Die schriftlichen Rückmeldungen und das Gespräch dienen als Grundlage der gegenseitigen Verständigung und einer transparenten Nachvollziehbarkeit der Bewertungskriterien sowie des Grades ihrer Erfüllung. Die Heterogenitätsmerkmale solider, kriterienorientierter Diagnose und Beratung seitens der Lehrenden sollen im Klippertschen Sinn (2010: 201) Kompetenzdefizite der Lernenden sichtbar machen und adäquate Unterstützung für deren Überwindung bereitstellen. Sie dienen in diesem Sinne – wie von Prengel für eine aufgeklärte Heterogenität postuliert – „als Orientierungs- und Verständnismittel“ (Prengel 2005: 27). Dass die anfängliche Nutzung dieses lernbegleitenden Angebots von ungefähr 50% der Studierenden auf circa 80% angestiegen ist, zeigt die positive Annahme dieser Art der Lernrückmeldungen während des Erarbeitungsprozesses der schriftlichen Aufgaben. Das individuelle Feedback, das Studierende während des Schreibprozesses erhalten, ist nach Klippert (2010: 199) als Instrument zu verstehen, das die Heterogenität von Lerngruppen positiv nutzt und diese als Lernchance begreift.

Die dargestellten Prinzipien des sprachenübergreifenden Kurses „Einführung in die Didaktik des Fremdsprachenunterrichts“ und dessen sprachspezifischer Begleitkurse werden den Anforderungen eines modernen Fremdsprachenunterrichts insofern gerecht, als sie Heterogenitätsmerkmale wie Mehrsprachigkeit, sprachenübergreifende Kooperation unter den Lehrenden und Studierenden sowie die damit verbundene Entwicklung von Teamarbeit nutzen und eine transparente Leistungsbewertung umsetzen. Damit macht das Kooperationsprojekt eine Pädagogik der Vielfalt im Prengelschen Sinne für die Studierenden bereits in ihrer Fremdsprachendidaktikausbildung konkret erfahrbar. Ein besonderes Atout des Lehreprojekts zeigt sich in den Begleitstudien, die kontinuierlich evidenz- und damit forschungsbasierte Modifikationen anleiten und möglich machen.

 

Literatur:

Hinger, Barbara (2009), „Das Innsbrucker Modell der Fremdsprachendidaktik“. In: Erziehung und Unterricht. Österreichische Pädagogische Zeitschrift, 5/6 2009. 498-504.

Hinger (2016), „Möglichkeiten adäquater Vorbereitung zukünftiger Fremdsprachenlehrkräfte für eine heterogene Schülerschaft am Beispiel des Innsbrucker Modells der Fremdsprachendidaktik“. In: Doff, Sabine (Hrsg.), Heterogenität im Fremdsprachenunterricht. Impulse - Rahmenbedingungen - Kernfragen - Perspektiven, Narr, Tübingen.

Hirzinger-Unterrainer Eva Maria (2013), Eine sprachenübergreifende Ausbildung in der Fremdsprachendidaktik aus studentischer Perspektive - Das „Innsbrucker Modell der Fremdsprachendidaktik“ (IMoF). Europäische Hochschulschriften: Reihe 21, Linguistik, Peter Lang Verlag, Bern - Berlin - Bruxelles - Frankfurt a.M. - New York - Oxford - Wien.

Hirzinger-Unterrainer, Eva Maria (2014a), „Bildung von Team-Bewusstsein als Strategie in der sprachenübergreifenden Ausbildung in der Fremdsprachendidaktik in Innsbruck“, Schaufenster Lehre (2014) des Büros des Vizerektors für Lehre und Studierende der Universität Innsbruck (http://www.uibk.ac.at/rektorenteam/lehre/die-lehre-seite/schaufenster/publikationen.html).

Hirzinger-Unterrainer, Eva Maria (2014b), „Bildung von Team-Bewusstsein als Strategie am Beispiel der universitären Ausbildung in der Fremdsprachendidaktik“. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 25:2, 143-174.

Klippert, Heinz (2010), Heterogenität im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte effektiv und zeitsparend damit umgehen können. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Prengel, Annedore (2005), Heterogenität in der Bildung - Rückblick und Ausblick. In: Bräu, Karin & Schwerdt, Ulrich (Hrsg.) (2005), Heterogenität als Chance. Vom produktiven Umgang mit Gleichheit und Differenz in der Schule. Münster: LIT Verlag. 19-35.

Positionierung des Lehrangebots

1. Studienabschnitt Diplomstudium Lehramt; Ab WiSe 2016: BA-Studium Lehramt Sekundarstufe (Allgemeinbild.): Pflichtmod.1 der U-Fächer E, F, I, Rus., Sp.; Mögl. Koop. im Verbund LehrerInnenb. West ab WiSe 2017: Pflichtmod. 1 im BA-Stud. Lehramt Sekundars.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.