Umsetzung eines praxisorientierten „Inverted Classroom“ im Zuge der betriebswirtschaftlichen Vorlesung „Sonderformen der Unternehmensfinanzierung“ für berufsbegleitend Studierende

Konzept

Ziele

Ziel: Bessere Lernerfolge der Studierenden bei gleichem Gesamtaufwand zu erreichen

Motiv: Die Lehrvermittlung methodisch/didaktisch ins 21. Jahrhundert zu bringen und damit die Studierenden dort zu treffen wo sie heute stehen

Ausgangslage:

Die Zusammensetzung der Gruppe und die Mehrfachbelastung stellen beim Unterricht berufsbegleitend Studierender an alle Beteiligten besondere Herausforderungen. Die individuellen Bildungsbiografien, die heterogene Altersstruktur, aber auch die Aufmerksamkeitsspannen sowie die persönlichen Lernkurven variieren stark. Kohärente Themenentwicklung und Diskussion zu vorgegebenen Problemfeldern regen zu aktiver Teilnahme an und sind methodisch oft effizienter als starrer Frontalunterricht. Dies erfordert – auch unter Berücksichtigung der Gruppengröße – neue Lehr- und Lernkonzepte. Aus diesen Überlegungen entstand das vorliegende Projekt, das unter „Inverted Classroom“ subsumierbar ist und folgende Kernpunkte umfasst:

- freie (online-)Verfügbarkeit spezifischer Lehrinhalte (v.a. Videos)

- selbständige, zeit- und ortsunabhängige Vorbereitung auf die Lehrveranstaltung

- Einbindung weiterer digitaler Medien in den Präsenzunterricht (zB online-Votings)

- Ergänzung durch konventionelle Inhaltsvermittlung bei theoretisch-wissenschaftlichen Modellen

- hohe Praxisrelevanz

- Geringerer Zeitaufwand in der Klausurvorbereitung

Beschreibung

Besonders an jene Studierende, die die Ausbildung berufsbegleitend absolvieren, werden hohe Anforderungen hinsichtlich Zeitmanagement und Konzentrationsfähigkeit gestellt.

Die Beobachtung zeigt, dass diese Studierenden - vor allem abends - eine hohe Aufmerksamkeitsspanne bei der im Dialog entwickelten, vertiefenden Auseinandersetzung mit komplexen betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen aufweisen. Im Gegensatz dazu driften viele bei Rechenbeispielen relativ leicht gedanklich ab, die Effizienz der Inhaltsvermittlung und -aufnahme sinkt rapide.

Das Konzept des „Inverted Classroom“ wurde deshalb im gegenständlichen Projekt so interpretiert, dass den Studierenden vor den jeweiligen Vorlesungsterminen zur Vorbereitung die konkreten Rechenbeispiele aus der Folienpräsentation als Videos zur Verfügung gestellt werden. Diese Lehrvideos sind – neben anderen digitalen Materialien und weiteren interaktiven Tools – in der Lehr- und Lernplattform moodle und über links zu dropbox oder als Direktaufruf in YouTube verfügbar.

In den Präsenzterminen werden die relevanten und kritischen Rechenschritte wiederholend erklärt und in der Vorbereitung aufgetretene Fragen gezielt beantwortet. Dadurch wird der Lernaufwand für die Klausur reduziert.

Parallel dazu werden online-Votings und weitere Videos in die Vorlesung eingebunden, im Excel werden, aufbauend auf die Beispiele, Simulationen live durchgeführt.

Bewerbungsvideo unter www.youtube.com/watch

 

Einleitung

Im Projekt „Umsetzung eines praxisorientierten Inverted Classroom im Zuge der betriebswirtschaftlichen Vorlesung Sonderformen der Unternehmensfinanzierung für berufsbegleitend Studierende“ wird die Idee des Inverted Classroom aufgegriffen und für die spezifischen Anforderungen der Zielgruppe adaptiert.

Grundidee ist dabei die Vermittlung von klassischen theoretischen Modellen der Betriebswirtschaftslehre in Verbindung mit einem ausgeprägten Praxisbezug für berufsbegleitend Studierende mit heterogenen (Bildungs-)biografien unter Einsatz aktueller, hoch verfügbarer Technologie, ohne dabei auf wissenschaftlichen Tiefgang zu verzichten.

Konkret wurden zu allen inhaltlichen Schwerpunkten der Lehrveranstaltung Videos erstellt, in welchen die Rechengänge in Excel nachvollziehbar erklärt durchgerechnet werden und zur Vorbereitung auf die Lehrveranstaltung sowie auf die Klausur auf YouTube und dropbox zur Verfügung stehen. Weitere digitale Elemente werden in den Präsenzterminen integriert.

 

Ausgangslage

Der Unterricht berufsbegleitend Studierender stellt insofern besondere Herausforderungen, als nicht nur Herkunft, unterschiedliche Erfahrungen und Vorkenntnisse sowie eine breite Altersstreuung die strukturelle Zusammensetzung der Gruppe beeinflussen, sondern insbesondere beim Abendunterricht die Aufmerksamkeitskurven bei unterschiedlichen Themenstellungen extrem variieren.

So sind diese Studierenden zB bei vertiefenden Diskussionen meist besonders engagiert, auch wegen des unterschiedlichen (beruflichen) Hintergrunds. Erfahrenere KollegInnen bringen sich hier gerne aktiv ein, weniger erfahrene zeigen dabei oft erhöhte Aufmerksamkeit und profitieren darüber hinaus vom Erfahrungsschatz der anderen.

Besonders bei komplexeren, zeitlich aufwändigen Rechenbeispielen neigen berufsbegleitend Studierende abends häufig zu themenfremden Abschweifungen, die Aufmerksamkeitsspanne für komplexe betriebswirtschaftlich/mathematische Zusammenhänge ist tendenziell gering. Rechengänge können an den kritischen Punkten im Nachgang schwer nachvollzogen werden, großer Aufwand in der Klausurvorbereitung ist oftmals die Folge.

In der thematischen Auseinandersetzung bleibt dann die wissenschaftliche Tiefe manchmal ebenso hinter den Möglichkeiten zurück wie auch der Umfang der praktischen Aspekte, insbesondere der Umgang mit Werkzeugen, zB Excel, die in der betriebswirtschaftlichen Praxis ja absolut gebräuchlich sind und dennoch selten effizient genutzt werden.

 

Konsequenz

Ausgehend von der dargestellten Problematik wurde die Idee der zeit- und ortsunabhängigen Vorbereitung auf die Präsenztermine, mit vertrauten Medien und einem konkreten Bezug zu den aktuellen Lehrinhalten, neu interpretiert.

Der Kern dieses Unterrichtsmodells baut auf umfangreiche Lehrvideos zur Vorbereitung auf die Lehrveranstaltung. Vertiefung und Diskurs steht dann in den Präsenzterminen im Vordergrund.

Auf Basis vorbereiteter Excel Modelle können im Unterricht interessante online-Simulationen das Gelernte festigen und komplexe betriebswirtschaftliche Zusammenhänge transparent machen.

Durch die Verlagerung zeitaufwändiger Rechenbeispiele kann die dazugewonnene, qualitativ wertvolle Präsenzzeit verstärkt zur interaktiven Erarbeitung bestimmter Lehrinhalte genutzt werden.

Es muss aber neben dem konsequenten Praxisbezug auch hinreichend Platz der Vermittlung anerkannter wissenschaftlicher Modelle, zB Lohmann-Ruchti Effekt oder Miller-Modigliani-Theorem, eingeräumt werden. Die theoretische Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlagen solcher Modelle erfolgt noch konventionell, wird aber mit vorhandenen YouTube Videos zur Klausurvorbereitung ergänzt.

 

Videos

Authentizität steht bei den Videos vor einer hochprofessionellen Produktionsqualität, Studioqualität wäre in diesem Rahmen auch nicht erreichbar. Allerdings wurde darauf geachtet, dass sämtliche Rechenbeispiele gestochen scharf und gut lesbar wiedergegeben werden.

Studierende erhalten über die Lehr- und Lernplattform moodle Zugang zu den Lehrvideos sowie zu aktuellen Medienberichten und weiteren ergänzenden Materialien.

Die Videos sind primär Screencasts von in Excel gerechneten Beispielen, allerdings mit Zusatzerklärungen und gegebenenfalls bewegten Skizzen und weiterführenden Einblendungen. Die Berechnungen sind – bis auf ganz wenige begründete Ausnahmen (zB „Solver“) – so ausgeführt, dass diese auch mit dem Taschenrechner lösbar sind. Die ergänzenden Querverweise auf spezielle betriebswirtschaftliche Excel Funktionen (Barwert, Annuität, Effektivzins etc.) stellen ganz selbstverständlich den Praxisbezug her und runden die Ausführungen ab. Die Beispiele sind großteils, aber nicht ausschließlich, dem Lehrbuch „Investitionsrechnung und betriebliche Finanzierung“ (Wala/Kreidl/Haslehner, LexisNexis, 2014) entnommen. Weiterführende Videos, wie zB die bilanzielle Abbildung einer Venture Capital Finanzierung, runden den Medienzyklus ab.

 

Ablauf und struktureller Aufbau, Didaktik

Etwa ein Monat vor Beginn der Lehrveranstaltung wird über das Nachrichtenforum der Lehr- und Lernplattform moodle in einem kurzen Begrüßungstext die Konzeption der Vorlesung vorgestellt. In dem parallel dazu verschickten Begrüßungs-Email wird primär auf ein Einführungsvideo hingewiesen, in welchem das Detailkonzept der einzelnen Lehrveranstaltungen genauer vorgestellt wird und die Studierenden motiviert werden, die entsprechenden Lehrvideos unbedingt vor den Präsenzterminen anzusehen, mitzudenken und eventuell bereits selbst in Excel oder auf Papier mitzurechnen.

Die Excel Datei mit allen gerechneten Beispielen steht ebenfalls über moodle zum Download bereit.

In den Lehrveranstaltungen werden kritische Rechenschritte genau erklärt, im Normalfall aber das gesamte Beispiel nicht nochmals gerechnet. Auf konkrete Fragen, die sich aus der Vorbereitung ergeben, wird besonders intensiv eingegangen.

Unter Einbindung von Excel kann im Unterricht weiterführend experimentiert werden. So wird beispielsweise anhand des im Lehrvideos „Duration“ verwendeten Rechenmodells, in dem die Berechnungsmethode erklärt und die verschiedenen Durations begrifflich differenziert werden, Zinssensitivitäten anhand des vorbereiteten Schemas simuliert, erklärt und „begreifbar“ bzw. „erfahrbar“ gemacht.

Die Videos stehen selbstverständlich öffentlich und werbefrei weiterhin auf YouTube zur Verfügung und können in der Klausurvorbereitung wiederholt angesehen und mitgerechnet werden.

In den Präsenzterminen wird zusätzlich ein Tool für online-Votings eingesetzt (www.onlineted.de). Die Studierenden können über ihre Smartphones oder PCs entweder über Eingabe der Webadresse und Freischaltcode oder alternativ über das Abscannen eines QR-Codes auf die jeweilige Voting-Seite gehen und ihre Stimme abgeben. Durch die Anonymität bei der Stimmabgabe sind ehrlichere Ergebnisse zu erwarten als bei Direktbefragungen. Die Fragestellungen reichen von „Wer hat die Videos zur heutigen Veranstaltung durchgearbeitet?“ und Qualitätsfeedbacks zu den Materialien, über Schätzfragen wie „Wie hoch schätzen Sie das weltweite nominale Derivatevolumen“ bis hin zum wiederholenden Abfragen von Lehrinhalten. Somit kann jeder Studierende seinen eigenen Wissensstand selbst überprüfen, der Lektor erhält anonymisiert feedback über den Stand der Gruppe.

 

Ebenfalls in moodle finden sich aktuelle Publikationen zu unterschiedlichen Themen der Finanzierung und Finanzwirtschaft. Diese sind Print- und Onlinemedien entnommen und runden den praxisorientierten Teil der Lehrveranstaltung weiter ab. Studierende bereiten in Kleingruppen zu je 3-4 Personen die jeweiligen Artikel vor und präsentieren in 5-Minuten-Slots die wesentlichen Inhalte. Der Lektor ergänzt die Präsentationen und stellt den jeweiligen Bezug zu Inhalten der Vorlesung her.

Theoretische wissenschaftliche Modelle werden konventionell aufbereitet und mit vorhandenen (dh nicht mit extra vom Lektor produzierten) Videos ergänzt.

Es wird angestrebt, in jedem Semester über einen Gastvortragenden ein spezielles, besonders aktuelles und praxisrelevantes Thema den Studierenden zugänglich zu machen. War dies im letzten Jahr dem Thema „Crowd“ gewidmet, heißt dieses im Sommersemester „Reverse Factoring“. Ein dafür in der Bank verantwortlicher Mitarbeiter trägt dieses derzeit rasch an Bedeutung gewinnende Thema aus dem Bereich Trade Finance vor.

Ein zusätzlicher inhaltlicher Schwerpunkt wird aus aktuellem Anlass mit „Sicherer Zahlungsverkehr“ gesetzt. Dazu wird anhand einer Case Study, in der ein klassischer Ablauf des Freigabe- und Übermittlungsprozesses abgebildet ist, für jeweils zwei unterschiedliche Geschäftsfälle dargestellt. Interaktiv wird daraus ein abgesicherter Prozess entwickelt und präsentiert.

Weitere spezielle Inhalte

Die Themenschwerpunkte der Vorlesung „Sonderformen der Unternehmensfinanzierung“ sind in Mittel- und Großunternehmen in der Abteilung „Finanzierung“ oder „Treasury“ abgebildet. Vielen Studierenden ist das Finanzmanagement als junge – aber mittlerweile in Mittel- und Großbetrieben etablierte – Disziplin wenig geläufig. Diese dritte, eigenständige Säule (neben Rechnungswesen und Controlling) im Finanzbereich befasst sich – ganz in Übereinstimmung mit dem Syllabus – eben neben der Finanzierung zB auch mit Risikomanagement im Zins- und Fremdwährungsbereich, sicherem Zahlungsverkehr, kaufmännischen Aspekten bei M&A Transaktionen usw. Ein ganz konkreter Praxisbezug kann durch ein weiteres Video hergestellt werden, das die Finanzabteilung eines börsennotierten österreichischen Konzerns anhand kurzer Interviews mit den MitarbeiterInnen vorstellt. Dadurch wird das Berufsbild des Treasurers mittels direkten Einblicken in die Praxis vermittelt. Aus Sicherheitsgründen steht dieses Video leider nicht öffentlich zur Verfügung, sondern wird restriktiv im Rahmen der Präsenzveranstaltung gezeigt.

 

Vorteile

- Zeit- und ortsunabhängige Vorbereitung auf den Unterricht

- Zusätzliche Unterstützung in der Klausurvorbereitung

- Ansehen, sooft und so schnell oder langsam wie es dem individuellen Lerntempo entspricht

- Möglichkeit, neben den klassischen Rechenmethoden mit Papier, Bleistift und Taschenrechner (für das tiefere Verständnis, aber auch für die Klausur notwendig!) zusätzlich die praxisrelevanten kaufmännischen Funktionen in Excel zu vermitteln

- YouTube Videos als etablierter Medienkanal für die „Generation Y“

- Nutzung des Unterrichts für vertiefende Behandlung des Lehrinhalts und zur Einbindung aktueller Wirtschaftsthemen im Zusammenhang mit den Vorlesungsinhalten anstatt stereotyper Wiederholung verfügbarer Inhalte

 

Nachteile

- erheblicher Zeitaufwand für die Produktion der Videos

- technische Mindestvoraussetzungen

 

Chancen

- bessere Lernerfolge

- höhere Motivation

- gleicher Gesamtaufwand

 

Risiken

- Demotivation und Kenntnisgefälle, falls ein erheblicher Teil der Gruppe unvorbereitet in die

Vorlesung kommt

 

Links

Bewerbungsvideo für Ars Docendi: www.youtube.com/watch

YouTube Channel: www.youtube.com/channel/UCesElcwY2fFv1R29BEuF9lQ

Begrüßungsvideo: www.youtube.com/watch

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor / 4. Semester

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.