Kurs Übungsfirma

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Das Institut für Wirtschaftspädagogik betreibt seit 1996 die Übungsfirma KFUNIline Übungsfirma-WeiterbildungsGmbH sowie seit 2004 die Übungsfirma eXpand International Consultancy GmbH (Arbeitssprache Englisch) für bzw. mit Studierenden. Diese besuchen im dritten Semester des fünfsemestrigen Masterstudiums der Wirtschaftspädagogik den verpflichtenden Kurs Übungsfirma, der zum Modul Mehrdimensionale Lehr- und Lernarrangements gehört.

Bei der Übungsfirma (ÜFA) handelt es sich um eine Unternehmenssimulation zu Lernzwecken, wo die Studierenden im bzw. am Modellunternehmen arbeiten und lernen. Als MitarbeiterInnen und Lernende der Übungsfirma nehmen sie aktiv am nationalen und internationalen Übungsfirmenmarkt teil und erfahren betriebliche und ökonomische Zusammenhänge unter pädagogischer Perspektive.

Die Studierenden sollen sich der Unternehmenssimulation Übungsfirma (ÜFA) als komplexes Handlungs- und Erfahrungsfeldes bewusst werden und in der Lage und bereit sein, sich kritisch reflektierend mit der Methode Übungsfirma sowie ihren unterschiedlichen Rollen bzw. Perspektiven – Lernende, Mitarbeitende, zukünftige potentielle Lehrende – auseinander zu setzen.

Beschreibung

In der Lehrveranstaltung entwickeln Studierende ihre Handlungskompetenz weiter und gewinnen einen Einblick, wie eine Übungsfirma sowohl aus pädagogischer als auch betriebswirtschaftlicher Perspektive geleitet werden kann. Sie sind in der Lage, ihre erworbenen Kompetenzen in neuen Situationen selbstständig einzusetzen und problemlösungsorientiert zu agieren.

Das Semester startet mit einem zweitägigen Strategieseminar, in dem es um die Methode Übungsfirma anhand des Grazer Ebenenmodells und das Zusammenspiel zwischen Strategie – Struktur – Organisation – TQM geht. Aktives Kennenlernen und Teamfindung werden mittels gruppendynamischer Lernprojekte, die sich aus dem Konzept des konstruktiven Lernens ableiten und in die Phasen Instruktion, Aktion und Reflexion mit Feedback gliedern, und gemeinsamer Sportaktivitäten erreicht. Beim Strategieseminar kommen v.a. Lernprojekte mit dem Ziel des kooperativen Handelns, der Übernahme von Führungsaufgaben und des strategischen Handelns zum Einsatz.

Während des Semesters arbeiten die Studierenden in Kleingruppen in den Prozessen und Abteilungen im eigenen ÜFA-Büro. In wöchentlichen Meetings mit der Geschäftsführung (den Lehrenden) werden bereichsübergreifende unternehmerische Entscheidungen getroffen, Probleme besprochen, aber auch individuelle Lernerfahrungen und Teamentwicklungsprozesse reflektiert. Das Forcieren einer gut funktionierenden Teamarbeit ist ein zentrales Anliegen und Voraussetzung für das Lernen und die selbstständige Arbeit.

Die Methode der Übungsfirma ist in Österreich seit Beginn der 1990er Jahre sehr weit verbreitet, wobei sie insbesondere für die Gestaltung des wirtschaftlichen Unterrichts, in dem es letztendlich um das Erkennen und Erfassen wirtschaftlicher sowie volkswirtschaftlicher Zusammenhänge und Wechselbeziehungen geht, eingesetzt wird. Die Methode Übungsfirma basiert auf einer Unternehmenssimulation zu Lernzwecken, ist eine mehrdimensionale Lehr-Lern-Form und „fokussiert als handlungs- und kompetenzorientierte Methode die Förderung der Verknüpfung von Denken und Handeln im Sinne der intellektuellen Regulation des Handelns“ (Stock & Riebenbauer 2013, S. 623). In pädagogischer Hinsicht geht es bei dieser Methode darum, wie Lernende vom Unterricht im Sinne von Lernen im Modell (Lernen/Handeln in einem Unternehmen respektive einer Volkswirtschaft) und Lernen am Modell (Lernen/Handeln aus einer Metaperspektive) profitieren können. Trotzdem bedeutet Übungsfirma mehr als die praktische Anwendung von bereits gelernten Inhalten und den Aufbau von Routinen im (simulierten) betrieblichen Alltag, denn sie ermöglicht eine Weiterentwicklung der eigenen Kompetenzen durch Vernetzung, Aufzeigen und Begreifen der Zusammenhänge, Lösen komplexer, neuartiger Frage- und Problemstellungen, Wahrnehmen von neuen Rollen und vielem mehr.

 

In der Übungsfirma liegt der Fokus auf dem Output bzw. Outcome der Lernprozesse, d.h. Kompetenzentwicklung, Performanz, Qualifikationen, Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen der Lernenden in Lern- und Arbeitsprozessen der Übungsfirma stehen im Zentrum. Zwar steht und fällt die Methode Übungsfirma mit der Lehrperson (vgl. Stock & Riebenbauer 2013, S. 623), trotzdem steht aus didaktischen Gesichtspunkten nicht die Performanz der Lehrenden im Mittelpunkt, sondern die Performanz der Lernenden, ihr Lernen sowie die intellektuelle Regulation ihres Handelns in der Übungsfirma.

Die mit der Verankerung im Lehrplan einhergehende Gründungswelle von Übungsfirmen an Handelsakademien und Handelsschulen Mitte der 1990er und die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Handlungsorientierung waren wichtige Gründe, dass 1996 die erste Übungsfirma am Institut für Wirtschaftspädagogik in Graz gegründet und 1997 auch ein eigenes Übungsfirmenbüro für Studierenden der Wirtschaftspädagogik eingerichtet wurde. Die Übungsfirma KFUNIline Übungsfirma-WeiterbildungsGmbH (KFUNIline) ist im Bereich Aus- und Weiterbildung tätig und bietet am Übungsfirmenmarkt verschiedene Seminare z.B. für kaufmännische Software sowie für Unternehmerinnen und Unternehmer an. 2004 kam es zur Gründung der zweiten universitären Übungsfirma in Graz. Die eXpand International Consultancy GmbH (eXpand) wird in englischer Sprache geführt und verfolgt die Geschäftsidee, andere Übungsfirmen bei der Internationalisierung durch die Bereitstellung von Markanalysen und individuellen Beratungsleistungen zu unterstützen (vgl. Stock & Riebenbauer 2011, S. 40 und 95). Die Lehrveranstaltung ist im Studienplan des Masters Wirtschaftspädagogik verpflichtend zu besuchen.

Die universitäre Übungsfirma KFUNIline ist wie ein reales Unternehmen in verschiedene Organisationseinheiten gegliedert, d.h. die Studierenden arbeiten in zwei wertschöpfenden Prozessen (Seminar, Learning Point) und drei unterstützenden Abteilungen (Marketing, Rechnungswesen, Monitoring & Support) zusammen und organisieren dort die spezifischen Aufgaben selbst. Dies bedarf einer guten Kommunikation und Kooperation im Team sowie zwischen den einzelnen Bereichen. Die LV-Leiterinnen führen die Übungsfirma im Teamteaching und setzen insbesondere zu Semesterbeginn, aber auch laufend sowie am Ende des Semesters bewusst Akzente, um Teamentwicklungsprozesse entsprechend zu lenken. Gemeinsame wöchentliche Sitzungen (Business and Learning Meetings) werden von den Studierenden selbst moderiert und gestaltet. Feedback und Reflexion im Sinne des Plan-Do-Check-Act-Regelkreises werden dabei großgeschrieben.

 

Auszug aus dem Leitbild 2015 der KFUNIline, das von den Studierenden formuliert wurde:

WIE wir arbeiten: Wir lassen Freiraum zur kreativen und eigenverantwortlichen Gestaltung, mit dem Ziel, Selbststeuerung zu ermöglichen und Eigenverantwortung zu fordern und fördern.

WORAUF wir Wert legen: Dass wir partner/innen/schaftlich und kooperativ zusammenarbeiten. Dass wir Frauen und Männer gleichberechtigt behandeln, versteht sich von selbst.

 

Die Studierenden erkunden die Lehr-Lern-Form ÜFA und erfahren, wie man ÜFA gestalten und leiten kann. Dabei wird viel Freiraum gewährt, aber auch Eigenverantwortung und Selbststeuerung eingefordert. Die Umsetzung der gemeinsam formulierten Ziele wird mithilfe von Zielblättern geplant und von den Teamleadern gesteuert. Für die Bereiche werden für einen größtmöglichen individuellen Lernzuwachs gemischte Teams (z.B. nach Alter, Geschlecht, beruflicher Erfahrung, Betreuungspflichten) gebildet. Da einige Teams hauptsächlich im ÜFA-Büro tätig sind, andere sehr arbeitsteilig auch von zu Hause agieren, wird der Zuteilungsvorschlag gemeinsam entschieden. Für anspruchsvolle Arbeiten v.a. im Rechnungswesen steht den Studierenden eine eigene Tutorin zur Verfügung. Besonders engagierte und leistungsstarke Studierende können herausfordernde Führungsaufgaben übernehmen, indem sie in der Teamleitung, als Eventmanager/in oder als Qualitätsmanager/in agieren und beispielsweise die Planung und Koordination der Teilnahme an der österreichweiten Zertifizierung „Qualitätsmarke Übungsfirma“ übernehmen. Beide Übungsfirmen haben diesen Zertifizierungsprozess bereits mehrmals sehr erfolgreich absolviert.

Neben den Zielen für die ÜFA setzen sich die Studierenden zudem individuelle Lernziele für ihr Übungsfirmensemester. Sie übernehmen die Verantwortung für die Zielerreichung sowie bewerten und reflektieren ihre Lernergebnisse u.a. in Bezug auf die (Weiter-)Entwicklung von Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz.

 

Selbst- und Fremdbeurteilung sind charakteristisch für die Leistungsbeurteilung in der Lehrveranstaltung. Durch den Vergleich von Eigen- und Fremdbild können die Lernenden Maßnahmen für ihr zukünftiges Handeln ableiten. Weiters fließt die Beurteilung des Portfolios (über Lernergebnisse des ÜFA-Semesters mit Reflexionsbericht) und die Bewertungen der Geschäftsführung in die Leistungsbeurteilung mit ein. Die genaue Gewichtung der einzelnen Komponenten wird in jedem ÜFA-Semester gemeinsam von der Geschäftsführung und den Lernenden vereinbart. Dabei eingesetzte Formulare, wie z.B. ÜFA-Kompetenzraster, Beurteilungsblatt oder ÜFA-Bewertungsspinne (360°Feedback), werden gemeinsam entwickelt bzw. ausgewählt. Am Ende des Semesters haben die Lernenden die Möglichkeit, ein Reflexionsgespräch mit der Geschäftsführung zu führen.

Je nach Präferenz gibt es verschiedene Highlights. Im letzten Semester waren dies z.B. der Austausch über ÜFA-Zusammenhänge im World Café, der Weiterbildungstag bei Raiffeisen, die Teilnahme am Online Trading Day mit acht Übungsfirmen aus New York und die Exkursion zur 50. Internationalen ÜFA-Messe nach Essen/Deutschland. Bei diesem dreitägigen Aufenthalt betreuten die Studierenden selbstständig zwei Messestände und konnten viele internationale Geschäftsbeziehungen auf- bzw. ausbauen. Die Diskussionen mit Experten bei Raiffeisen und bei den ÜFA-Messen fördern den Theorie-Praxis-Dialog und die individuellen Anliegen der Studierenden.

Vor allem in den pädagogischen Sitzungen und Teamleader-Meetings erhalten die LV-Leiterinnen Feedback und Vorschläge zur kontinuierlichen Verbesserung der Übungsfirma, die gemeinsam diskutiert und gegebenenfalls umgesetzt werden. Mit dem Portfolio verfassen die Studierenden auch eine „Eigene Sichtweise zur ÜFA“. Diese Rückmeldungen und die Ergebnisse der regelmäßigen LV-Evaluierungen durch die Studierenden fließen direkt in die Planung des nächsten ÜFA-Semesters ein.

 

Die Lehr-Lern-Philosophie der beiden Lehrenden lässt sich wie folgt darstellen:

Für uns Lehrende ist die Führung der Übungsfirma von der Rollendualität als Lehrende und als Führungskraft geprägt, was eine Abkehr vom traditionellen Rollenverständnis bedeutet. Neben der Begleitung des vollständigen Lernens in Form von Coaching, Moderation und Beratung übernehmen wir auch die Geschäftsführung, um die Kontinuität der ÜFA-Arbeit über die Semester sicherzustellen. Gepflegt wird ein partizipativer Führungsstil im Sinne einer transformationalen Führung, sodass den Studierenden ob des zeitlichen Freiraums und der gewährten Handlungs- und Entscheidungsspielräume größtmögliche Partizipation und Mitverantwortung ermöglicht wird. Wir sehen uns als Vorbilder hinsichtlich Innovationsfreude, Leistungsorientierung und Reflexivität.

Die Gestaltung kooperativen Lernens in der ÜFA basiert auf dem Modell von TUCKMAN (1965 & 1977). Unsere Studierenden durchlaufen fünf aufeinanderfolgende Phasen der Teamentwicklung:

Das FORMING beginnt beim intensiven Kennenlernen am Strategieseminar mit gruppendynamischen Übungen, in denen die vielen Interaktionen Berührungsängste abbauen, die Identifikation mit der ÜFA fördern und ein WIR-Gefühl entstehen lassen. Dies geht nahtlos in das STORMING über, indem erste Stärken und Schwächen reflektiert und gemeinsam die Zuteilung in Kleingruppen für die Prozesse/Abteilungen „ausgehandelt“ werden. Zurück in Graz findet als Startschuss zur eigentlichen ÜFA-Arbeit die Übergabe durch die Studierenden des vorigen Semesters statt. Beim NORMING werden, abgeleitet vom Leitbild und der strategischen Zielsetzung, gemeinsam Bereichsziele definiert sowie je ein/e Teamleader/in nominiert. Diese Person übernimmt v.a. die Verantwortung für die Arbeitsorganisation innerhalb sowie für die Kommunikation nach außen, d.h. zu anderen Bereichen und zur Geschäftsführung. In eigenen TeamleaderInnen-Meetings mit den LV-Leiterinnen werden insbesondere Entscheidungsstrukturen, Problemlösungsprozesse und Konflikte zwischen einzelnen Personen besprochen. Weitere Maßnahmen zur Teamentwicklung sind die Festlegung von General Agreements und Feedbackregeln, die theoretische Auseinandersetzung mit Teamprozessen, Reflexionsrunden in den wöchentlichen Sitzungen sowie ein intensiver Austausch zwischen den Teams mittels der Methode World Café. Beim PERFORMING sind unternehmerische Eigenschaften und entsprechende Haltungen wie z.B. das Streben nach Autonomie, Belastbarkeit, Ehrgeiz oder soziale Anpassungsfähigkeit in der ÜFA gefragt. In den einzelnen Bereichen, aber auch in bereichsübergreifenden Projekten (z.B. zur Organisation der Teilnahme an einer Übungsfirmenmesse) arbeiten die Studierenden in Teams von ca. 5 Personen zusammen. Die Teamarbeit organisieren sie selbst, indem sie TeamleaderInnen nominieren, ihre Projektziele definieren, die Arbeitspakete sowie Arbeitsverteilung bestimmen und Arbeitszeiten selbst festlegen. Die Teams haben freien Zugang zum ÜFA-Büro (24 Stunden, 7 Tage die Woche), was viel Selbstorganisation, Zeit- und Teammanagement erfordert. In der ADJOURNING-Phase nach TUCKMAN ist es wichtig, die Teamarbeit auch gemeinsam zu Ende zu bringen. Die einzelnen Teams dokumentieren dazu ihre Endergebnisse (z.B. mittels Übergabehandbücher, Geschäftsbericht, Portfolio), gestalten eine kreative Abschlussarbeit und reflektieren die Lernergebnisse in der letzten ÜFA-Sitzung. In manchen Semestern organisieren die Studierenden auf freiwilliger Basis selbst noch ein eigenes Reflexionsseminar, um das ÜFA-Semester entsprechend ausklingen zu lassen.

 

Mehrdimensionale Lehr- und Lernformen, insbesondere die Übungsfirma, zählen bereits seit Jahren zu den Forschungsschwerpunkten des Instituts für Wirtschaftspädagogik. Wir sehen die Forschung als Voraussetzung für unsere forschungsgeleitete Lehre und setzen dabei hohe Qualität als oberstes Ziel. Unsere Basis für die forschungsgeleitete Lehre ist der Grundsatz der ganzheitlichen Menschenbildung und wir sehen uns als akademische Wegbegleiterinnen unserer Studierenden, um sie stetig in ihrer Weiterentwicklung zu unterstützen, zu fördern und zu fordern. Wir fordern von unseren Studierenden Bereitschaft zum Lernen, kritisches Denken und Bereitschaft sowie Fähigkeit zur Reflexion. In der Übungsfirma werden zum einen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse diskutiert sowie zum anderen neue Ideen und Modell entwickelt, getestet, evaluiert und gegebenenfalls in die schulische Praxis transferiert.

Positionierung des Lehrangebots

3. Semester Master Wirtschaftspädagogik

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.