bilding. Kunst-und Architekturwerkstatt, Innsbruck, Rapoldipark, im Rahmen der Bachelor-Arbeit: Grundlagen und Projekt im WS 14/15 + SS 15

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Ziel war das gemeinsame Realisieren einer konkreten Konzeptions-, Entwurfs- und Bauaufgabe in Innsbruck. Im Rahmen der Bachelorarbeit wurden im Oktober 2014 am ./studio3 – Institut für experimentelle Architektur aus 60 interessierten Studierenden 27 ausgewählt. Damit begann ein Prozess, der über konzeptionelle und forschende Entwurfsarbeit zu konkreter Planung und letztendlich zu aktiver Realisierung der Bauaufgabe führte.

Beschreibung

Im Innsbrucker Rapoldipark ist ein neuer Ort der ästhetischen Bildung und kreativen Förderung für Kinder und Jugendliche entstanden. Das bilding.

 

Ausgehend von der konzeptionellen Vorarbeit, die ein ArchitektInnenkollektiv rund um das aut leistete, wurde die weitere Entwurfsarbeit von Studierenden des ./studio3 übernommen. Aus 17 Projekten, die im Rahmen der Bachelorarbeit – betreut von Walter Prenner und Verena Rauch – vorgeschlagen wurden, wählte eine Jury ein Projekt zur weiteren Bearbeitung aus. In Zusammenarbeit mit zahlreichen Firmen und dank der unentgeltlichen Leistung von Statikern, Architekten und Fachplanern wurde dieses Projekt im Kollektiv zur Baureife entwickelt und umgesetzt. Die Studierenden machten es durch ihren Arbeitseinsatz möglich, dass das bilding in knapp fünf Monaten kostengünstig und mit einfachen Mitteln realisiert werden konnte.

 

Entworfen und gebaut von jungen Menschen für junge Menschen, entstand ein experimenteller Raum, ein Ort der Veränderung, welcher Bildung als „im Prozess sein“ versteht und zur Mitgestaltung einlädt. Das entstandene Projekt ist Zeugnis unseres Anspruches, im dialogischen Austausch im Lehr/und Lernprozess die Persönlichkeitsentwicklung von Studierenden zu fördern und somit Eigenverantwortung, Anspruch und Haltung für unseren Fachbereich Architektur zu entwickeln. Dies ist nur durch außerordentliches Engagement der Studierenden und uns Lehrenden möglich und steht für eine zwischenmenschliche Kompetenz und Motivation.

Hintergrund

 

Profil des Institutes - ./studio3: Das Institut für experimentelle Architektur ./studio3 entwickelt und lehrt an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst, Kultur und experimenteller Architektur. Es geht um Architektur als die gelungene Balance von Ästhetik, Funktion und Konstruktion, visuellem Empfinden und wissenschaftlichen Denkens. Dabei wirkt Kunst real am kreativen Schaffensprozess von Architektur mit. Im Vordergrund steht das Bemühen, ein Feingefühl für soziale Bedürfnisse und gesellschaftlichen Fortschritt zu entwickeln.

Es ist die Absicht des Institutes die Voraussetzungen für die Verwirklichung "konkreter Utopien" im Bereich der Architektur und des Städtebaues zu schaffen. Unter "konkreten Utopien” verstehen wir die Implementierung des Innovativen und Visionären. Vorausgesetzt, dass Forschung immer mit Erfindung zu tun hat und Erfindung wesentlich vom Aspekt des Neuen, des Unbekannten und des Zukünftigen geprägt ist, ist der Schwerpunkt “Konkrete Utopien” übergeordnetes Forschungsziel und Lehrziel zugleich.

Ziel der Bemühungen des Institutes ist es, ein neues gesellschaftliches Architekturverständnis zu ermöglichen. Es geht nicht ausschließlich um die Verfassung von schriftlichen Anleitungen, sondern auch um die exemplarische Unterstützung von Architekturinstallationen und wie im vorgelegten Projekt, um 1:1 Realisierungen, die als Zeichen an besonderen Orten errichtet werden sollen.

 

Research by project + learning by doing

 

Das Institut für experimentelle Architektur./ studio3 fordert und forciert einen kontinuierlichen Austausch mit der "realen Umgebung". Ziel ist es, Forschungsinhalte angewandt zu erproben und zu evaluieren. Das Entwickeln visionärer Ansätze wird auch in 1:1 Versuchsanordnungen getestet.

Voraussetzung für das Umsetzen eines 1:1 Projektes mit Studierenden ist das Finden einer konkreten und besonderen Bauaufgabe und eines „Bauplatzes“, in diesem Falle das bilding – Kunst und Architekturschule im Rapoldipark Innsbruck – weiters das Aufbauen eines umfangreichen Netzwerkes mit Auftraggebern, Sponsoren, Förderern, Firmen und der Politik. Diesen Prozess starteten wir ca.12 Monate vor Beginn der Lehrveranstaltung. Aus dem Kollektiv der KünstlerInnen rund um die Leiterin des bilding, Monika Abendstein, und dem Kollektiv der ArchitektInnen rund um das aut (Architektur und Tirol) wurde das Raumprogramm erstellt. Aus den Zusagen der Firmen und Sponsoren konnten die Bauweise und die zum Einsatz kommenden Materialien definiert werden.

Im Oktober 2014 meldeten sich 60 Studierenden zur Bachelor-Lehrveranstaltung am ./studio3 an. Da diese Anzahl für die konkrete Bauaufgabe zu groß war, entschieden wir uns für die Bildung zweier Gruppen. Eine beschäftigte sich theoretisch mit dem gestellten Thema, für die anderen 27 Studierenden war dies der Start zur Bildung des Studierenden-Kollektivs, welches die Aufgabe bis zur Realisierung begleiten würde.

Unter den Aspekten des räumlichen, atmosphärischen Experiments, der Einbindung der Landschaft und das Komponieren eines Raumkontinuums, entwickelten die Studierenden im ersten Monat individuelle Projekte. In weiterer Folge wurden ähnliche Ansätze und Ideen zu 17 Gemeinschaftsprojekten zusammengeführt und bereits nach 2 Monaten wurde in einem Fachgespräch, welches sich aus VertreterInnen der vorher genannten Kollektive zusammensetzte, ein Projekt ausgewählt. Essentiell war die Begleitung und Pflege des Netzwerks, der Austausch der Firmen und Förderer mit den Studierenden in Form von Exkursionen, Workshops und Vorträgen. (Vortrag bilding Leiterin Monika Abendstein, Vortrag Alu König Stahl Fassadensysteme; Workshop mit Statiker Alfred Brunnsteiner, Workshop mit Fa.Aquarex und Fa.Arcon Glas, Vortrag Architekt Wolfgang Pöschl: Einfaches Bauen; Exkursionen zu den Binder Werken, Adler Lacke, Schafferer Holzbau)

Das unter den Entwurfsarbeiten ausgewählte Projekt wurde nun im Kollektiv weiterentwickelt. Die Herausforderung lag darin, Studierende, die vorher im Wettbewerb zueinander standen, für dieses Projekt zu begeistern und motivieren. Diese schafften wir durch die Bildung unterschiedlicher Projektgruppen und den dazugehörigen Verantwortlichkeiten für die Bereiche: Konstruktions- und Detailpläne der Zimmermanns-und Abbundarbeiten, der Fassadeneinkleidung, der Glasfassade, der Terrassen- und Außenanlagen, der Möbel und der gesamten Installations-, Sanitär, Heizungs- und Elektroarbeiten. In diesen Gruppen bestand nun die Möglichkeit für die Studierenden erneut, sich zu finden, Fähigkeiten und auch Position zu schärfen, Schnittstellen zu bilden, Verantwortung zu übernehmen und über sich hinaus zu wachsen.

In mehrmaligen wöchentlichen Besprechungen mit den einzelnen Gruppen entstand von Jänner bis März 2015 die gesamte Einreichungs-und Detailplanung. Im April startete die Baustelle im Rapoldipark und somit eine neue Herausforderung für die Studierenden, die ansonsten nur theoretische Auseinandersetzung mit ihrem Studium wandelte sich nun in kontinuierliche ungewohnte, körperliche Arbeit und der Realität auf der Baustelle – hands on!

Nachdem in nur 5 Tagen der Rohbau aufgestellt war, konnten die Studierenden der einzelnen Gewerke parallel ihre Arbeiten beginnen. Wir durften eine schöne Entwicklung beobachten: im Vorfeld definierte Gruppen unterstützen sich gegenseitig, das ich wurde zum wir. Aus diesem besonderen sozialen Gefüge entstand ein starkes Kollektiv.

Die Baustelle und die damit verbundene Lehre waren nicht hermetisch abgeschlossen, es war eine Baustelle im öffentlichen Raum, die zur gelebten Architekturvermittlung durch das ständige Gespräch und den Austausch mit der Bevölkerung wurde. Bereits in der Bauphase wurden mehrere Workshops mit den zukünftigen Nutzerinnen, den Kindern und Jugendlichen rund um das Kollektiv Monika Abendstein abgehalten und somit in den Bauprozess integriert. Sponsoren, Förderer, Paten, Architekturstudierende, Freunde und Kollegen besuchten die Baustelle regelmäßig, um das Fortschreiten der kollektiv-partizipativen Baustelle zu beobachten. Einige Vorbereitungsarbeiten, wie zum Beispiel der Möbelzuschnitt, fanden in Werkhallen ortsansässiger Betriebe statt.

Auch in dieser Zeit war es uns wichtig, Exkursionen und gemeinsame Aktivitäten für die Studierenden-Gruppe zu ermöglichen. Dazu zählte ein Wochenende im Steinhaus am Ossiachersee, welches wir zur Reflexion nutzten. Wie im realen Berufsalltag wurden Entscheidungen vor-Ort getroffen, gemeinsam mit Handwerkern und Professionisten Probleme und Lösungen diskutiert und Entscheidungen getroffen, um das Voranschreiten des Baues zu ermöglichen.

Wichtig war es, angewandte Theorie und Praxis zu leben und Verantwortung für das Umgesetzte zu übernehmen. Die Studierenden machten es durch ihren Arbeitseinsatz möglich, dass das bilding in knapp fünf Monaten kostengünstig und mit einfachen Mitteln realisiert werden konnte.

Das physische Resultat ist ganz aus einem Guss: eine dynamisch komponierte Raumlandschaft, strukturiert durch vorgefertigte Holzelemente. Innerhalb dieser Landschaft finden Werkstätten, Ateliers, ein Kommunikationsraum und ein Büro Platz; durch Nischen und leichte Abstufungen des Bodenniveaus ergeben sich unterschiedliche Bereiche, ohne das Gesamterlebnis zu stören. Die elementare Grundidee der offenen Werkstatt spiegelt sich auch in der Offenheit zum umgebenden Stadtraum im Rapoldipark wider.

 

Der wichtigste Aspekt für Charakterbildung und Persönlichkeitsschärfung der/des einzelnen Studierenden ist die Tatsache, Teil dieses Prozesses und des Resultates geworden zu sein. Die Entwicklung eines Anspruches und einer Haltung gegenüber der Architektur und der damit verbunden gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung wurden forciert.

 

Text Nicola Weber:

 

Bilding war und ist zuallererst ein Statement. Nämlich eines für die Unverzichtbarkeit der freien kreativen Entfaltung von Kindern und Jugendlichen abseits von Erfolgsdruck, begleitet von authentisch vermittelnden Menschen, die genug Zeit haben und ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Jetzt ist bilding auch ein sichtbarer Ort, ein greifbarer Raum geworden, der nach architektonischen Maßstäben beurteilt werden kann. Und doch ist auch dieses Gebäude viel mehr Statement als Architektur, so kraftvoll und selbstbewusst dieser holzig-weiße Flieger auch dort im Park gelandet sein mag. In den 240 Quadratmetern fließendem Innen- und noch einmal so viel Außenraum ist bilding so authentisch zum building geworden, wie man es nur selten von der Übersetzung einer Idee in Architektur behaupten kann. Im Prozess seiner Realisierung lassen sich alle wesentlichen Inhalte des bilding-Leitbildes wiederfinden. Was der Verein seinen Kindern und Jugendlichen vermitteln möchte, davon erzählt das Gebäude selbst: von der Kraft des Kollektivs, der Lust zum Experiment und Risiko, der Wertschätzung des freien Denkens, der Flexibilität Umwege und Rückschläge zu verdauen, dem Potenzial der Selbstorganisation, dem Erkennen der eigenen Fähigkeiten, dem Vertrauen in eine starke Idee.... dieser Kraftakt vieler hat eine enorme Energie erzeugt, die spürbar durch dieses Bauwerk fließt.

 

Was ist es nun geworden, worin sich die Kunst- und Architekturschule für Kinder und Jugendliche sesshaft macht? Die Stadt Innsbruck hat dem Projekt bilding eine Fläche am südlichen Rand des zentrumsnahen Rapoldiparks zur temporären Bebauung zur Verfügung gestellt, vorerst für fünf bis sieben Jahre. Der Platz hat die richtige Ambivalenz aus Öffentlichkeit und Privatheit, ist Teil des Parks aber doch abseits genug um nicht permanent unter Beobachtung zu stehen. Der Weg zum heute realisierten Entwurf war kein geradliniger. Von einem recycelten Glashaus über die wandelbare Holzbox bis zu einem kollektiven Entwurfsprozess wurde vieles angedacht und verworfen, bis zuletzt eine Kooperation mit der Architekturfakultät und dem dortigen ./studio3 das Projekt als 1:1 Bachelorarbeit einer Gruppe von insgesamt 27 Studierender realisierbar machte. Diese errichteten gemeinsam mit professionellen Handwerkern in drei Monaten dieses besondere Werkstattgebäude, das fast ausschließlich über Firmen- und Privatsponsorings, durch eine Bausteinaktion und ehrenamtliche Arbeit finanziert wurde.Drei Arbeitsbereiche für Malerei/Grafik, Bildhauerei/Architektur und Film/neue Medien bilden gemeinsam mit dem Foyer im Zentrum ein Raumkontinuum, nach Norden zum Grünraum großzügig geöffnet, nach Süden zum Hallenbad schützend geschlossen. Die Positionierung auf dem Grundstück und die Gabelung in der Gebäudeform schaffen Außenräume mit unterschiedlichem Charakter: wohnlich die Terrassen Richtung Park, roh und unempfindlich die Asphaltfläche im Osten, intim der lauschige Hof zur Sill hin. Materialisiert wurde das Gebäude komplett aus roh belassenem Brettsperrholz (BBS) in Fichte, eingesetzt als schlanke, ungedämmte 10 cm-Wandkonstruktion, mit doppellagigen Deckenplatten und in reduzierten Dimensionen für alle Einbauten und Möbel. Geheizt wird mit einer simplen Luftventilationsheizung wie in Werkstätten üblich, Warmwasser und Strom holt man sich idealerweise vom benachbarten Hallenbad. Als Fassade wurde eine weiße EPDM-Membrane rundum von der Decke zum Boden gespannt und verschweißt. Provisorisch und roh, warm und wohnlich zugleich fühlt es sich hier an. Es ist ein Raum der unterschiedliche Haltungen zulässt und Potenziale anbietet, in jedem Sinn des Wortes und der Lust macht selbst Hand anzulegen, zu verändern und mitzugestalten.

 

Viele Material- und Formentscheidungen dieses Bauwerks sind den verfügbaren Produkten der unterstützenden Firmen geschuldet, die Konstruktion musste einfach genug sein, um von den Studierenden ausgeführt zu werden, simple Schraub- und Steckverbindungen sollen theoretisch wieder lösbar sein – und das Schöne ist: all diese Einschränkungen haben das Projekt besser gemacht. Es demonstriert, wie wenig es trotz allem beim Bauen braucht, wie viel man weglassen kann, wie überzogen unsere Ansprüche, Normen und Standards heute oft sind und wie spannend die Architektur gerade dadurch werden kann, dass man sich auf das Wesentliche konzentriert. Ein Unort am Rand eines als "sozial schwierig" geltenden Parks ist zu einem unverwechselbaren und charismatischen Ort geworden, der zweifelsohne die Phantasie seiner jungen BenutzerInnen beflügeln wird und der sich den Spannungen der Umgebung bewusst aussetzt.

 

Bilding und sein Haus im Park machen eines eindrucksvoll sichtbar: welche Kraft ein motiviertes Kollektiv hat, das Position bezieht und sich für eine Idee stark macht. Eine große Zahl an Handwerkern, Fachplanern, Firmen, Architektinnen, Beratern, Mentorinnen, Studierenden, Künstlern und privaten Unterstützerinnen waren bereit, sich weit über die eigene Komfortzone hinaus zu engagieren und die gesellschaftspolitische Verantwortung für die Bedürfnisse von Kindern wahrzunehmen. Die Zivilgesellschaft hat sich zur Bauherrin gemacht, hat diesen Ort eingefordert und aus eigenen Kräften realisiert. Was für ein Statement!

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.