Case-Based-blended Learning in der Zahnmedizin

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Im Studium der Zahnmedizin hat der Erwerb praktischer Fertigkeiten einen großen Stellenwert. Nach dem Erlernen medizinischer Grundlagen und Theorien, und dem Üben in Praktika können Studierende der Zahnmedizin der MedUniWien ihre Praktischen Fertigkeiten im Rahmen des 72 Wochen Praktikums an der Universitätszahnklinik Wien unter Supervision an PatientInnen anwenden und weiterentwickeln. Um darauf und für das spätere Berufsleben gut vorbereitet zu sein, bedarf es mehrerer Faktoren:

Medizinisches und Zahnmedizinisches Fachwissen (durch Vorlesungen, Seminare, Praktika), Manuelle Fertigkeiten für die PatientInnenbehandlung aber vor allem die Verknüpfung der Theorie mit der Praxis. Gerade der Übergang vom vor- und präklinischen Ausbildungsteil zum Arbeiten mit echten PatientInnen macht Studierenden die meisten Schwierigkeiten. Es fällt ihnen z.B. schwer nach Befundaufnahme die Diagnosekriterien für verschiedene Diagnosen korrekt anzuwenden, daraus eine sinnvolle Behandlungsempfehlung abzuleiten. Weiters fällte es ihnen schwer, ihre Diagnose und ihren Behandlungsvorschlag gegenüber KollegInnen und SupervisorInnen glaubwürdig zu rechtfertigen, zu verteidigen bzw. zu erkennen, wo noch Lücken bestehen.

 

Das vorliegende Case-based-blended learning Projekt zielt darauf ab diese Lücke zwischen „Ausbildung“ und „erster Praxiserfahrung“ zu schließen. Im Rahmen der Ausbildung „Parodontologie und Prophylaxe“ wurde nach der theoretischen Ausbildung den Studierenden ermöglicht die eben gelernten Grundlagen bei der Diagnosefindung und Behandlungsplanung eigenständige anhand von (virtuellen) PatientInnenfällen anzuwenden.

Beschreibung

Case-based-learning mit virtuellen PatientInnen findet in vielen medizinischen Bereichen Anwendung und es gibt verschiedene Formen der technischen Umsetzung (Cook, Erwin, & Triola, 2010) (Cook & Triola, 2009). An der MedUniWien erfolgt die virtuelle Präsentation der PatientInnen Unterlagen für Case-based-blended learning mitttels der „Unified Patient-PatientInnenkartei“ (Pokieser et al., 2009), unter anderem konnte damit schon ein Projekt zum Case-Based learning in der HNO umgesetzt werden (Grasl et al., 2012). Die Kombination von traditioneller Lehre mit E-Learning ist auch für die fall- und praxisorientierte Lehre in der Zahnmedizin von Vorteil, vor allem für Studierende mit (theoretischen) Vorkenntnissen. In Abstimmung mit der „Curriculumdirektion Zahnmedizin“ (unter der Leitung von Prof.in Dr.in Anita Holzinger MPH), die das Projekt unterstützte, wurden Studierende des 7. Semesters (3. Abschnitt) als geeignete Gruppe für ein Pilotprojekt „Case-Based-blended Learning in der Zahnmedizin“ ausgewählt. Im Rahmen des Curriculumelements „Z5- Parodontologie und Prophylaxe“, das jährlich von ca. 80 Zahnmedizinstudierenden besucht wird, wurde in zwei Schritten eine entsprechend gestaltete Lernaktivität implementiert.

Projektbeschreibung

 

Im Projekt "Case-based-blendel learning in der Zahnmedizin" sollten folgende Lernaktivitäten angeregt werden:

 

- Hauptaktivität:

o anhand echter PatientInnenenfälle eine richtige Diagnosefindung sowie realistische Behandlungsplanung durchführen (? virtuelle PatientInnenfälle)

o Rechtfertigung und Verteidigung der eigenen Vorschläge, zur Darstellung der Diagnosefindung und der Behandlungsplanung (? durch das Verfassen eigenständiger Essays).

o Erkennen wo noch Lücken (bei anderen) bestehen (? Bewerten der Essays von KollegInnen und Verfassen eines Feedbacks für die KollegInnen)

 

- Nebenaktivität:

o die in der Präsenzlehre (Vorlesung, Praktikum) vermittelten Inhalte selbständig wiederholen, vertiefen und anwenden

o Auseinandersetzung mit online Lernplattformen und case-based-blended learning, die immer häufiger zur Anwendung kommen (insbesondere in der postgraduellen Lehre)

 

 

Das Projekt wurde in zwei Phasen implementiert. Im ersten Jahr der Implementierung im WS 2014 lag der Schwerpunkt auf der Lernaktivät „anhand echter PatientInnenenfälle eine richtige Diagnosefindung sowie realistische Behandlungsplanung durchzuführen“. Daher gestaltete sich das Projekt im WS2014 wie folgt: Die Studierenden arbeiteten zunächst individuell anhand von klinischen Bildern, Parodontalstatus und Röntgenbildern PatientInnenfälle auf. Zum positiven Abschluss waren nach 1 Woche fallspezifische multiple choice Fragen zu beantworten (technische Umsetzung: Lernplattform Moodle). Nach Ablauf der Frist zur Beantwortung der Fragen schienen die richtigen Antworten auf, sodass sich die Studierenden selbst überprüfen konnten. Parallel zur Fallaufarbeitung konnten alle in einem Forum zu jedem einzelnen Fall Fragen des Diskussionsleiters beantworten, selbst Fragen stellen und andere Beiträge kommentieren.

 

Im zweiten Jahr der Implementierung wurde das Blended learning Szenario so erweitert, dass auch die beiden weiteren Lernaktiväten integriert werden konnten. Wie bereits 2014 arbeiteten die Studierenden zunächst individuell anhand von klinischen Bildern, Parodontalstatus und Röntgenbildern 8 PatientInnenfälle auf. Der positive Abschluss des Kurses erfolgt nun nicht mehr über die Beantwortung von MC-Fragen, sondern (1) über das Verfassen eines Essays zu einem zugeteilten Fall, in welchem Anamnese, Diagnose und Behandlungsplan aufgearbeitet wurden und (2) über Beteiligung an der Peer-Bewertung der Essays von Mitstudierenden (jeweils ein Essay zu einem der 7 anderen Fälle). (3). Ein weiteres Kriterium für den positiven Kursabschluss stellte das Erreichen oder Übertreffen der definierten Mindestkriterien für die Qualität des verfassten Essays und die Qualität der durchgeführten Peer-Bewertungen dar.

 

Details zum Ablauf der Lernaktivität:

 

(1) 8 Gruppen zu à 10 Studierenden hatten über die Lernplattform der MedUniWien (Moodle) Zugang zu den 8 Fällen in der Unified Patient PatientInnenkartei und die Aufgabe eine Diagnose zu finden und sich einen Behandlungsplan zu überlegen.

(2) Jeder Studierende formulierte zu einem zugeteilten Fall ein Essay. Dies verlangte von den Studierenden die Überlegungen zum Fall glaubwürdig in eigene Worte fassen und stellt eine gute Vorbereitung auf das Rechtfertigen und Verteidigung der eigenen Diagnosefindung und der Behandlungsplanung dar. Die Bewertungskriterien anhand derer die Peer-Bewertung erfolgte, wurden den Studierenden bereits vor dem Verfassen des eigenen Essays mitgeteilt, um die anschließende Bewertung so objektiv wie möglich zu halten (siehe Box ****) z.B. Erstellung eines realistischen Behandlungsplans, mit Angabe der Anzahl der geplante Sitzungen und Beschreibung der in den Sitzungen durchgeführten Behandlungsschritten) (Bearbeitungszeit ca. 1 Woche für (1) und (2)).

 

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1. Welche Diagnose legen diese Befunde nahe? Erläutern Sie, wie Sie zu dieser Diagnose kommen.

Wir erwarten von Ihnen, dass Sie die zu den Befunden passende Hauptdiagnose finden, diese über Hauptdiagnosekriterien korrekt rechtfertigen können. Überlegungen zu Differentialdiagnosen, z.B. Einschluss oder Ausschluss von anderen Diagnosen und Differentialdiagnosen, erhöhen die Qualität Ihrer Antwort.

2. Welche Behandlungsempfehlung können Sie aus den Befunden und der von Ihnen gestellten Diagnose ableiten? Begründen Sie Ihren Behandlungsplan.

Wir erwarten von Ihnen, dass Sie zu der von Ihnen gestellten Hauptdiagnose im Detail

a) passende Therapiemaßnahmen mit

b) realistischer Anzahl von Sitzungen (realistischer Zeitplan!) und pro Sitzung passenden Behandlungsmaßnahmen planen können.

c) Passender Einsatz adjuvanter Therapieformen und korrekte zeitliche Platzierung dieser Maßnahmen (Kein Overtreatment!) erhöhen die Qualität Ihrer Antwort.

Das Kategoriensystem zur Bewertung der Qualität Ihrer Antwort sieht vor, für Frage 2 auch Punkte zu vergeben, wenn sie die korrekte Hauptdiagnose im Frage 1 nicht stellen.

 

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(3) Nach Abgabe des Essays wurde dieses anonymisiert an Mitglieder der jeweils anderen Gruppen zur Bewertung geschickt. (D.h. Mitglieder einer Präsenzübungsgruppe bewerten sich NICHT gegenseitig. Studierende erhalten mind. 7 Bewertungen für ihr Essay von 7 verschiedenen Studierenden aus anderen Gruppen.) Die Bewertung erfolgte über zwei vorformulierte Bewertungsfragen (z.B.: Frage 1: Welche Diagnose legen diese Befunde nahe? Erläutern Sie, wie Sie zu dieser Diagnose kommen. Beurteilen Sie die Antwort des Kollegen/der Kollegin anhand der folgenden Skala) und dazugehöriger 4-stufiger Skalen (z.B.: 1 Punkt: Es wurde eine zu den Befunden passende Diagnose genannt, die jedoch nicht die Hauptdiagnose darstellt). Da jeder Studierende 7 Essays (eines pro Fall, zu denen selbst kein Essay geschrieben wurde) zu Bewertung erhielt, beschäftigen sich alle Studierenden mit allen Fällen. Zusätzlich konnten die Studierenden ein individuelles Feedback verfassen, das in vielen Fällen ausführlich ausfiel und zeigt, dass sie die Studierenden intensive mit den Fällen und den möglichen Verbesserungen beschäftigten. Beispielsweise wurde von einem Teilnehmer folgendes formuliert (siehe Box****). (Bearbeitungszeit für Schritt 3 ca. eine Woche)

 

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Trotz dieser sehr "kompakten" Bearbeitung der Aufgabenstellung halte ich diese Ausarbeitung für durchwegs suffizient und im Großen und Ganzen den Fragestellungen entsprechend. Ein bisschen schade ist nur, dass in deiner Ausführung die Schilderung der Anamnese sowie eine Erklärung des Diagnoseprozesses (orale Inspektion, radiologische Erfassung, mikrobiologischer Befund, PGU...) keine Erwähnung finden. Das ganze wirkt dadurch zwar ziemlich "medias in res", aber durch die Anlehnung an einen Arztbrief finde ich es trotzdem irgendwie cool gemacht. Sehr nett auch, wie du das mit der Einzelzahnprognose gelöst hast und dass die sozialen Aspekte sowie die Phobie der Patientin in einer fallbezogenen Prognose nicht zu kurz kommen. Die zeitliche Anordnung der Therapieschritte erscheint mir auch durchwegs als sinnvoll und plausibel.

Da ein Verbleiben der Zähne 35,47 und 46 ohne Gegenbiss post Ex nicht ganz so COOL ist, wäre ein Miteinbezug prothetischer Aspekte im Rahmen einer synoptischen Fallplanung durchaus sinnvoll.

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(4) Im Rahmen einer Präsenzlehreinheit präsentierte das Lehrendenteam die „Lösung“ der Fälle und ging auf Schwierigkeiten bei der Lösung der Fälle ein.

 

Details zum positiven Abschluss der Lernaktivität

 

Eine Maßzahl für die Qualität des verfassten Essays ergibt sich durch Bildung des Mittelwertes über die von den studentischen Peers durchgeführten Bewertungen (mind. 7 Pro eingereichtem Essay). Für jeden Studierenden gibt es eine Maßzahl zur „Qualität des verfassten Essays“.

 

Eine Maßzahl für die Qualität der durchgeführten Peer-Bewertung ergibt sich durch Berechnung der Abweichung der Einzelbewertung vom Mittelwert für das jeweilige Essay. D.h. bewertet eine Person aus der Bewertergruppe extrem positiv oder negativ (z.B. aus Bequemlichkeit, Desinteresse oder sonstiger Motivation) im Vergleich zu den anderen Personen der Gruppe, reduziert dies die Bewertungspunkte dieser Person für diesen Fall. Für jeden Studierenden gibt es also 7 Maßzahlen zur „Qualität der durchgeführten Peer-Bewertung“.

 

Kontrollen durch Lehrende wurden für extrem positiv und extrem negativ bewertete Essays, sowie stichprobenweise für durchschnittliche Essays ergab, dass die Peer-Beurteilung zu validen Ergebnissen führt. Erste durchgeführte Plausibilitätsprüfungen der Bewertungspunkte durch Lehrende ergab, dass diese die Beurteilungsleitung valide abbilden. Systematische Validitätsüberprüfungen sind in Arbeit.

 

Für den positiven Abschluss der Case-based learning Aktivität ist eine Mindestpunkteanzahl für die „Qualität des verfassten Essays“ und bei den sieben Werten für „Qualität der durchgeführten Peer-Bewertung“ erforderlich.

 

Die Fragenkonzeption erfolgte durch Ass.-Prof. PD Mag. Dr. Wagner-Menghin, die Administration und Auswertung wurde von Frau Evelin Gschosmann durchgeführt. Dr. Haririan stellte die PatientInnenfälle zusammen und begleitete die Studierenden als Moderator durch den E-Learning Kurs.

 

Einbettung des Case-based-blended Learning im Gesamtkurs

Im Rahmen des Curriculumelements Z5-„Z5- Parodontologie und Prophylaxe“ finden neben Vorlesung und Seminaren in Kleingruppen insgesamt 14 Praktikumstage statt, die pro Termin mit erfolgreich teilgenommen (+)/nicht erfolgreich teilgenommen (-) beurteilt werden. Die verpflichtende Teilnahme am Case-Based Learning entspricht einem Praktikumstag. Die restliche Zeit der Lehrveranstaltung, die sich über ca. 3 Wochen erstreckt, wird als Präsenzveranstaltung geführt. Das Element Z5 gilt als erfolgreich absolviert wenn 66,6 % der Leistung in Form von positiven Praktikumstagen (inklusive dem Case-Based Learning), des Abschlusstests und des Abschluss-OSCEs erfüllt wurden.

 

Literatur:

 

Cook, D. A., Erwin, P. J., & Triola, M. M. (2010). Computerized Virtual Patients in Health Professions Education: A Systematic Review and Meta-Analysis. Academic Medicine, 85(10), 1589-1602. Retrieved from <Go to ISI>://WOS:000282365000016

Cook, D. A., & Triola, M. M. (2009). Virtual patients: a critical literature review and proposed next steps. Medical Education, 43(4), 303-311. doi:10.1111/j.1365-2923.2008.03286.x

Grasl, M. C., Pokieser, P., Gleiss, A., Brandstaetter, J., Sigmund, T., Erovic, B. M., & Fischer, M. R. (2012). A new blended learning concept for medical students in otolaryngology. Arch Otolaryngol Head Neck Surg, 138(4), 358-366. doi:10.1001/archoto.2012.145

Pokieser, P., Brandstaetter, J., Moritz, T., Domanovits, H., Sodeck, G., & Fischer, M. R. (2009). Unified Patient Project. Erfahrungsbericht zu web-basierten Falldiscussionen im klinischen Unterricht. zeitschrift für e-learning, lernkultur und bildungstechnologie, 4, 49-59.

Positionierung des Lehrangebots

Diplomstudium Zahnmedizin, 3. Abschnitt

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.