Interdisziplinäres Praktikum "Restl-Festl" im Rahmen des Masterstudienganges "Umweltsystemwissenschaften" im Sommersemester 2014

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Interdisziplinäre Praktika (IPs) im Rahmen der Bakkalaureats- und Masterstudien „Umweltsystemwissenschaften“ sind spezielle Lehrveranstaltungen, die in der Regel nur einmal pro Thema abgehalten werden, immer inter-/transdisziplinär ausgelegt sind und im Teamteaching von drei bis sechs Lehrenden (teilweise externe Expertinnen) mit bis zu 20 Studierenden durchgeführt werden. In der Regel sind zumindest einige der Lehrenden externe ExpertInnen im jeweiligen Themenfeld (von Gemeinwohl-Ökonomie über Mobilitätsmanagement, Nachhaltige Lebensstile bis hin zu Klimawandel)

Beschreibung

Im Rahmen eines Interdisziplinären Praktikums unter der Anleitung von fünf Lehrenden organisierte eine Gruppe von 23 Studierenden eine Mischung aus Informationsmesse, Koch-Event und Maßnahme zur Bewusstseinsbildung bei der Bevölkerung für Lebensmittelverschwendung. Das Restl Festl „Graz isst auf“ fand am 23. Oktober 2014 im Innenhof des Grazer Minoritenklosters statt. Durch eine ausgeklügelte (Social) Media Strategie im Vorfeld gelang es den Studierenden 1500 Menschen (davon ca. 400 SchülerInnen) zum Fest zu „locken“ um sich zu informieren, das von Haubenkoch Willi Haider und den Seminarbäurinnen zubereitete Essen zu genießen, sich an Infoständen zu informieren, übrig gebliebene Lebensmittel mitzunehmen und so ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung zu setzen. Neben der Medienarbeit entwickelten die Studierenden Kostenaufstellungen, besorgten Spenden (1,5 Tonnen sonst zu entsorgende Lebensmittel, Sachspenden für die Tombola) von Landwirten, Handel und Privaten, motivierten erfahrene Akteure aus dem Feld als Ausstellerinnen und wickelten die Organisation mit einem Mini-Budget von 5000 Euro ab. Gelernt haben dabei nicht nur die Studierenden, einerseits wie man solch ein Event organisiert, anderseits quasi im „Vorübergehen“, wie wichtig das Engagement gegen Lebensmittelverschwendung ist. Gelernt haben alle AkteurInnen, die im Rahmen des Restl Festls tätig waren - BesucherInnen, AusstellerInnen, AkteurInnen der öffentlichen Verwaltung und nicht zuletzt die Lehrenden des IP

Das interdisziplinäre Praktikum „Feeding the 5k“ (von den Studierenden selbst in Restl Festl umbenannt) wurde im Sommersemester SS 2014 als Lehrveranstaltung im Masterstudium konzipiert. Auf Basis des aus England stammenden Konzepts „Feeding the 5k“ entwickelten und organisierten 23 Studierende mit Unterstützung von fünf Lehrenden sowie Stadt Graz, Land Steiermark und ARGE Abfallvermeidung das Event „Restl-Festl – Graz isst auf“ zur Bewusstseinsbildung gegen Lebensmittelverschwendung bei der Grazer Bevölkerung. Am 17. Oktober 2014, dreieinhalb Monate nach Lehrveranstaltungsende, fand das Event unter Mitwirkung aller Studierenden (obwohl sie schon Noten erhalten hatten) im Innenhof des Grazer Minoritenklosters statt. Durch das Engagement der Studierenden in fünf Themengruppen (Organisation, Social Media, Sponsoring, Kalkulation, Akquise AusstellerInnen/Lebensmittel) gelang es, die Kräfte erfahrener AkteurInnen (z. B. NGOs, Abfallunternehmen/-verbände) zu bündeln und fünfzehn Infostände sowie ein moderiertes Informationsprogramm zu entwickeln. Eineinhalb Tonnen „vor dem Wegwerfen gerettete“ Lebensmittel wurden bei Bauern, HändlerInnen etc. erbeten, in 1.300 Portionen verkocht und gratis an die ca. 1.500 BesucherInnen (davon 300 Schulkinder) ausgegeben. Das Restl-Festl wurde in TV, Radio, Printmedien und Internet gewürdigt, die Social Media-Auftritte werden nach wie vor betreut (www.restlfestl.at, Facebook, Twitter). Das Restl-Festl erhielt 2015 den „Energy Globe Award Styria“ und den „Viktualia“ und wird von der Food and Agriculture Organization (FAO) als Good Practice Beispiel aufgenommen. 
Das IP basierte auf Service Learning, bei dem kognitives Lernen mit Übernehmen von Verantwortung für die Gesellschaft kombiniert wird. Nach kurzen theoretischen Grundlagen durch die Lehrenden arbeiteten die Studierenden eigenverantwortlich und projektorientiert in Kleingruppen: Sie steckten den genauen Rahmen ab und mussten kooperativ planen, koordinieren, entscheiden und umsetzen. Ein interdisziplinärer Zugang (wirtschaftlich, sozialwissenschaftlich, naturwissenschaftlich-technisch) war nötig. Da direkt in der Lebens- und (künftigen) Arbeitswelt der Studierenden verwurzelt und wegen der gleichwertigen Heranziehung der Fachexpertise der PraxispartnerInnen ist der Zugang auch transdisziplinär. Trotz formaler Lernsettings wurde informelles Lernen angeregt: Bei den Studierenden selbst, die sich weit über das vorgeschriebene Maß engagierten und die „hard facts“ der Lebensmittelverschwendung quasi im Vorbeigehen erarbeiteten, aber auch bei der Bevölkerung und den Schulkindern und nicht zuletzt den Lehrenden selbst.
Das Restl-Festl wurde durch eine Masterarbeit wissenschaftlich unterstützt, deren Ergebnisse bei der Depotech-Tagung 2014 in Leoben präsentiert und im Tagungsband publiziert wurden. Eine weitere Masterarbeit zur Evaluierung wurde eben abgeschlossen, ebenso ein Paper in einem Waste Management Journal ist in Vorbereitung.
Studierendenzentrierung war zentrales Element. Die Lehrenden machten wenige Vorgaben und v.a. RatgeberInnen und Motivierende bei Problemen zur Verfügung. Das kollegiale „Du“ mit allen Studierenden war Programm. Die konkreten Ziele, Aufgaben, Inhalte legten die Studierenden selbst fest. Zur Kommunikation und Kooperation wurden Telefon sowie Social Media genutzt (Email, Moodle, Skype, Etherpad, Facebook sowie Blog und Twitter). Durch die Gruppenarbeiten wurden Selbstdisziplin, Koordination und Kommunikation gefördert. 
Die Studierenden lernten, wesentliche Informationen zur Problembewältigung selbst zu erarbeiten und dabei einen möglichst breiten Horizont zuzulassen sowie Möglichkeiten und Methoden zur Zielerreichung zu suchen und richtig auszuwählen. Durch die Delegation der Verantwortung mussten die Studierenden selbst Entscheidungsverantwortung übernehmen. Empathie und Solidarität wurden geschult, da direkt oder indirekt mit benachteiligten Menschen gearbeitet wurde. So wurden etwa die BettlerInnen, die wegen des kostenlosen Essens am Restl Festl teilnahmen, von den Studierenden wertschätzend betreut. Zusätzlich zum neuen Lernzugang bearbeiteten die Studierenden neue Themen und wurden angeregt, selbst "aktiv" zu werden. Häufig fanden Reflexionen des bisher Erledigten und noch Geplanten statt, wobei Motive und Ziele hinterfragt wurden. Die Beurteilung basierte auf den geleisteten Ergebnissen, wobei das klassische 5-Noten-System keinen sehr geeigneten Beurteilungsrahmen bildet.

Mehrwert

Serivce learning: Nicht nur die Studierenden haben etwas gelernt, es wurde darüber hinaus ein Mehrwert für die Gesellschaft, vertreten durch Besucherinnen, Schülerinnen und auch die öffentliche Verwaltung (Land Steiermark, Stadt Graz), generiert.

Profitierende

  • Studierende
  • Lehrende
  • öffentliche Verwaltung, BesucherInnen (insebsondere auch SchülerInnen), AusstellerInnen, Medien

Aufwand

Das Restl Festl wurde mit einem Budget von etwas mehr als 5000 Euro umgesetzt. Die interne Kalkulation der zahlreichen freiwilligen Leistungen bzw. der teilweise Bezahlungsverzichte der Profi-Akteure sowie der erbetenen Lebensmittel- und Sachspenden beläuft sich auf fast 100.000 Euro

Laufzeit des Projekts

Beginn: 01.03.2014 Ende: 17.10.2014

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2014 nominiert.