Proseminar Einführung in die empirische Human- und Sozialforschung

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Mit dem Status einer Erstsemesterveranstaltung besetzt das Proseminar im Studienplan eine signifikante Stelle, insofern es grundlegende wissenschaftliche Methoden und relevante akademische Schlüsselkompetenzen sowie orientierende Perspektiven für das Studium vermitteln soll. Im Rahmen der als offene Lernwerkstatt konzipierten Lehrveranstaltung soll den Studierenden darüber hinaus die Möglichkeit eröffnet werden, sich mit dem für sie neuen Praxisfeld „Universität“ reflexiv und theoriegeleitet zu beschäftigen, sich mit den Normen und gesellschaftlichen Konstituenten der Institution Universität auseinanderzusetzen sowie sich der eigenen historisch gewachsenen gesellschaftlichen Positionierung und Erfahrung als StudentIn wissenschaftlich anzunähern.
Lernen begreifen die Lehrenden grundsätzlich als selbstgesteuerten Vorgang, der durch die Bereitstellung adäquater Lernumgebungen und die Implementierung erprobter Lehr-Lern-Beziehungen unterstützt werden kann. Die Lehrenden erachten Bildung als einen Prozess der Selbstbildung, vermittels dem die Lernenden zur Selbsttätigkeit und zum Selbstdenken geleitet werden und den diese eigenständig verwirklichen müssen. Das Ziel dieser Lehrveranstaltung war demnach nicht ein „Vermitteln von“ Bildung, als vielmehr ein „Vermitteln zwischen“, genauer gesagt: das Herstellen von Bezügen zwischen dem Alltagswissen der Studierenden und wissenschaftlichem Wissen, zwischen nicht-wissenschaftlichen Elementen wie Gesellschaft, Politik und Kunst und der Wissenschaft, bei dem die Lehrenden als Vermittler und Vermittlerinnen in den Hintergrund treten.

Beschreibung

Die Lehrveranstaltung wurde als offene Lern- und Reflexionswerkstätte durchgeführt und zielte darauf ab, Studierende in ihrer unmittelbaren Erfahrungssituation als StudieneinsteigerInnen anzusprechen und diese Erfahrung zum Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit den Strukturen und Arbeitsformen im gegenwärtigen akademischen Feld zu nutzen. Ziel war es, Studierende zu motivieren, anhand von theoretischen Texten sowie Felderkundungen die zentralen Aspekte der Institution Universität zu untersuchen und die Ergebnisse in Form von interaktiven Präsentationen an ihre KollegInnen weiterzugeben. Im Zuge der von den Lehrenden supervidierten Gruppenprozesse wurden die Themen auf inhaltlich fundierte Weise aufgearbeitet und unter Nutzung verschiedener Präsentationsformen (u.a. Videos, Performances, Ausstellungen, Posterpräsentationen) in den Präsenzeinheiten vermittelt. Den Abschluss des Proseminars bildete eine Podiumsdiskussion, in der über die Lernerfahrungen sowie über Möglichkeiten der aktiven und selbstbestimmten Gestaltung des bevorstehenden Studiums diskutiert wurde. Die Ergebnisse des gesamten Prozesses wurden durch die Lehrenden auf Departementsebene weitergegeben. Seine Fortsetzung findet der Diskussionsprozess in einem Lektüreseminar im Sommersemester. Die gemeinsame Weiterentwicklung von Denkansätzen sowie eine Publikation unter Beteiligung von Studierenden im SFU-Forschungsbulletin wird zur nachhaltigen Sicherung des angestoßenen Reflexionsprozesses beitragen.

Erste Einheit – „Kick off“
Nach einer organisatorischen Einführung wurden ausgehend von Humboldts Bildungsbegriff Entwicklungen des Systems der Hochschulbildung –mit Schwerpunkt Weichenstellungen unter dem Einfluss von Bologna und im Kontext der Europäischen Bildungspolitik – nachgezeichnet und somit Hintergrundwissen über politische, organisatorische und rechtliche Grundlagen des Universitätswesens vermittelt. Die Studierenden wurden aufgefordert, sich interessengeleitet anhand einer umfangreichen Literaturliste einzulesen und explizit ermutigt, sich aktiv in sämtliche Handlungs- und Gestaltungsprozesse einzubringen. Als Zielsetzung wurde die in kleinen Projektgruppen stattfindende selbstorganisierte Vertiefung und Ausarbeitung eines zu wählenden Themas innerhalb der Rahmenthematik mit Präsentation und Dokumentation genannt.

Zweite Einheit – Thematische Exploration und Fokussierung
Themenangebote wurden im Verlauf eines ganztägigen, mehrstufigen Fokussierungsprozesses mittels verschiedener Großgruppenmoderationstechniken zu Themenbündeln im Zusammenhang mit der Institution Universität und den Praxisfeldern Forschung und Lehre verdichtet, welche die Aufgabenstellung für die Projektgruppen bildeten. Der Prozess wurde von Lehrenden moderiert, die Kristallisation spezifischer Themenfoci den Studierenden überantwortet.

Dritte bis fünfte Einheit – Vorbereitungsphase
In offenen Lernwerkstätten konnten sich Studierende für die Aufbereitung besprechen sowie weitere Arbeitsschritte planen und koordinieren. Die Proseminarliteratur beinhaltete Basistexte (vom Humboldt’schen Bildungsbegriff bis zum Bologna-Prozess), bei Bedarf wurde weitere Literatur eingebracht. Die Studierenden wurden angeregt, sich aktiv zur eigenen Universität zu informieren. U.a. entstanden daraus kurze filmische Dokumentationen über Interviews mit VertreterInnen des Departments, der BetreiberInnengesellschaft sowie der Studierendenvertretung. Des Weiteren wurden Dokumente und Rechtstexte zur Hochschulorganisation recherchiert und in Präsentationen eingearbeitet. In den Vorbereitungseinheiten war ein Plan für die Erarbeitung des eigenen Themas zu erstellen und innerhalb der Gruppe umzusetzen. Die Lehrenden unterstützten beratend, ohne inhaltlich oder organisatorisch starre Regeln vorzugeben. Dies führte innerhalb der Gruppen zu äußerst dynamischen Entwicklungen und Empowermentprozessen. Regelmäßige Check Ups mit den Gruppen gewährleisteten eine kontinuierliche Betreuung.

Sechste bis zwölfte Einheit – Präsentationseinheiten
Innerhalb des Gesamtangebots konnte durch die Präsentation im Panelformat (3 parallel zu jeweils unterschiedlichen Themenschwerpunkten) interessegeleitet ausgewählt werden. Die Gestaltung der Einheiten war weitgehend den Studierenden überlassen, jedoch sollten die Anwesenden „ins Geschehen“ geholt werden. Dabei wurden verschiedenste Medien (Video, Photographie, Graphik/Zeichnung, Text etc.) und vielfältige Vermittlungsformen (Performance, Vortrag, Rollenspiel, „Quiz-Format“ etc.) verwendet. Fokus der Präsentationen war zu ermöglichen, Facetten des Themas sowohl inhaltlich als auch durch die Form der Gestaltung der Einheit zu erleben.
Die HörerInnen wurden durch die Aufforderung zur aktiven Teilnahme und die didaktische Umsetzung mittels der Panelstruktur in ihrer Selbstverantwortung gefordert. Jeder konnte sein individuelles Semesterprogramm zusammenstellen. Der thematische Zusammenhang wurde durch die Zuordnung der Themenblöcke zu den jeweiligen Einheiten seitens der Lehrenden gewährleistet.

Abschlusseinheit – Podiumsdiskussion
Die erarbeiteten Perspektiven und Positionen wurden abschließend mittels Podiumsdiskussion im großen Forum zur Diskussion gestellt.
Die Studierenden arbeiteten sich in Gruppen an konkreten Beobachtungen, die die Lehrenden im Laufe des Semesters gemacht hatten, ab. Diese Impulse sollten mit den eigenen Erfahrungen und dem in der theoretischen Auseinandersetzung erarbeiteten Wissen in Resonanz gebracht und zu einem Statement verdichtet werden, welches Erfahrungen und Wissen in einen Zusammenhang stellt. Die Studierenden zeigten, dass sie fähig sind, ihre Statements auf hohem diskursfähigen Niveau darzustellen, sich aufeinander zu beziehen, Verbindungen herzustellen, Widersprüche aufzugreifen und Lösungen zu diskutieren.

Nachbereitungsphase der LV – Nachhaltigkeit und Qualitätssicherung
Studierende wurden eingeladen, sich in einem Spezialisierungsseminar an der Aufbereitung des Dokumentationsmaterials für eine mögliche gemeinsame Publikation über die Lehr- und Aneignungsprozesse im Proseminar zu beteiligen.

Mehrwert

1) Zusammenarbeit von vier Lehrenden: 
a. Enorme Synergieeffekte in didaktischer wie auch inhaltlicher Hinsicht aufgrund unterschiedlicher wissenschaftlicher und berufsbezogener Expertisen
b. Möglichkeit der Entwicklung von transdisziplinären Schnittstellen zu gesellschaftspolitisch, universitär sowie fachdisziplinär relevanten Themenbereichen
c. Möglichkeit für die Studierenden, sich mit spezifischen Fragen an spezifische Lehrende zu wenden, dadurch Herausbildung erster Mentoring-Ansätze


2) Konzeption der Lehrveranstaltung als offene Lern- und Reflexionswerkstätte:
a. Unterstützung der Studierenden, Lernen und Bildung als selbstgesteuerten Vorgang zu erleben und zu verwirklichen
b. Die Anregung von Selbsttätigkeit und Selbstdenken, als zentrale Basis und langfristiger Mehrwert für ein bevorstehendes Studium und wissenschaftliche Auseinandersetzungen
c. Möglichkeit, verschiedene Formen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung sowie der Präsentation von Ergebnissen kennenzulernen und auszuprobieren
d. Schulung von Teamfähigkeit und Projektarbeit


3) Unterricht aller StudienbeginnerInnen im Rahmen eines gemeinsamen Proseminars: 

a. Ermöglicht den Studierenden schon frühzeitig, ihre KollegInnen kennenzulernen, sich zu vernetzen und unterstützt somit einen optimalen Einstieg in die Institution
b. Verwaltungsaufwand wird enorm reduziert, da viele erforderliche Schritte nur einmalig gesetzt werden müssen

Profitierende

  • Studierende
  • Lehrende
  • Verwaltung

Aufwand


Laufzeit des Projekts

Beginn: 01.10.2014

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2015 nominiert.