Eintauchen in das Bürgerliche Recht und Vertragsrecht

Umgesetztes Projekt

Ziele

Die Ausgangssituation war eine Lehrveranstaltung in klassischer juristischer Lehre: Frontalunterricht, individuelle Falllösung mit Nachbesprechung in der Gruppe und kurze Interaktionen während des Vortrags. Auf Studierende, die den Anschluss an den Stoff verloren hatten oder die sich nicht trauten, bei Verständnisschwierigkeiten dies kenntlich zu machen, konnte von Seiten der Vortragenden gar nicht eingegangen werden. Obwohl die Evaluierung der LV „Bürgerliches Recht und Vertragsrecht“ auch bisher sehr gut ausfiel, wurden in der Konzeptionsphase der Lehrveranstaltung für den nächsten Jahrgang Überlegungen angestellt, den Unterricht noch spannender, emotionaler und praxisnäher zu gestalten, um die Studierenden noch besser zu erreichen, und ohne dabei einen „chocolate-covered-broccoli“ zu kreieren.

Kurzzusammenfassung

Die Vermittlung juristischer Lehrinhalte ist eine große Herausforderung. Sie ist umso größer, wenn die Zielgruppe aus Studierenden besteht, die keine juristische Fachausbildung anstreben. Den Studierenden sollen grundlegende juristische Kenntnisse, in diesem Fall des Bürgerlichen Rechts und insbesondere des Vertragsrechts, vermittelt werden. Sie sollen für praktische Problemstellungen sensibilisiert werden, um Jurist/inn/en ebendiese gezielt schildern zu können. Die oft umständlich erscheinenden Formulierungen durch den Gesetzgeber sollen dabei nicht dazu führen, dass die Studierenden deswegen dieser Materie ablehnend gegenüber stehen. Die LV „Bürgerliches Recht und Vertragsrecht“ wurde daher inhaltlich, methodisch und didaktisch auf diese Herausforderungen hin ausgerichtet. Die Studierenden sollen in einen aktiven und eigenverantwortlichen Prozess des Wissenserwerbs eintreten, zu einer eigenständigen Reflexion des erworbenen Wissens finden und dieses Wissen in der Praxis anwenden können.

Nähere Beschreibung

Im Ergebnis blieben folgende Merkmale für eine Neugestaltung übrig:

1. Storytelling
2. Rollenspiel
3. Gruppenpuzzle und
4. Peer-Feedback

Storytelling wurde vom Lehrveranstaltungsleiter als Methode ausgewählt, da eine lebendig erzählte Geschichte die Aufmerksamkeit und Konzentration der Studierenden leichter gewinnt, als die nüchterne Wiedergabe eines Sachverhalts, und dadurch Problemlösungskompetenz schneller aufgebaut werden kann.

Das Rollenspiel wurde gewählt, da es sich als didaktisches Stilmittel bereits empfohlen hat. Dabei wird das Rollenspiel innerhalb eines reglementierten Rahmens durchgeführt. Der Rahmen wird durch einen Spielleiter (in diesem Fall den Lehrveranstaltungsleiter) vorgegeben und strukturiert. Jede/r Rollenträger/in muss sich ausgiebiger mit ihrer/seiner Rolle auseinandersetzen und erlangt so eine „kleine“ Expert/inn/enstellung.

Das Erreichen dieser „Expert/inn/enstellung“ wird auch durch eine Abwandlung des Konzepts des Gruppenpuzzles unterstützt. Dabei werden Studierende in Gruppen aufgeteilt, welche einzelne Teile des Gesamtthemas bearbeiten. Durch die zuerst individuelle Aufbereitung des Einzelthemas wird sichergestellt, dass sich jedes Gruppenmitglied mit der Thematik befasst. Beim Abgleich des erarbeiteten Ergebnisses mit den anderen Gruppenmitgliedern findet eine erste Feedbackschleife und eine Zusammenführung des Wissens statt. Dieses Gruppenwissen wird dann im Rollenspiel mit den anderen Gruppen angewendet.

Letztlich sind Beobachter/innen bei einem Rollenspiel wichtig. Dazu wird auf das Peer-Feedback zurückgegriffen, welches die Studierenden, die nicht aktiv am durchgeführten Rollenspiel beteiligt waren, in die Lage der Beobachter/innen versetzt. Da das Peer-Feedback aber der Kritik ausgesetzt ist, dass Feedback, welches sich Studierende untereinander geben, wenig Akzeptanz beim Feedback-Empfänger erfährt, wurde das Peer-Feedback noch um die Supervision des Lehrveranstaltungsleiters erweitert.

Mit Hilfe einer Mischung aus diesen bereits bewährten Methoden wurde die Lehrveranstaltung „Bürgerliches Recht und Vertragsrecht“ umgestaltet. Diese Ausgestaltung wird kurz näher beschrieben:

Zu Beginn der LV wird vom Lehrveranstaltungsleiter ein fiktiver Ausgangssachverhalt zusammengestellt (Storytelling), welcher sich an einen realen Sachverhalt, der dem Lehrveranstaltungsleiter aus seiner eigenen Praxis bekannt ist, anlehnt. In dem Ausgangssachverhalt werden unterschiedliche fiktive branchenbezogene Protagonisten (z.B. Produzenten, Schauspieler, Regisseure, etc.) sowie ein Projekt vorgestellt, welches von den Protagonisten in der folgenden Zeit bewältigt werden soll. Die Studierenden übernehmen in der Folge die Rolle jeweils eines dieser Protagonisten und erarbeiten selbständig die juristischen Fragestellungen, die sich bei der Arbeit an dem Projekt aus Sicht des jeweiligen Protagonisten ergeben.

Der Sachverhalt ermöglicht den Studierenden leichter eine Assoziation herzustellen und durch die Übernahme der Verantwortung als Rollenträger findet eine emotionale Bindung zu den Herausforderungen statt. Die Studierenden müssen juristische Fragestellungen, die sich aus ihrer Sicht für den Protagonisten ergeben, erarbeiten und in eigener Recherche gesetzliche Bestimmungen finden, welche sich mit diesen Fragestellungen beschäftigen. In weiterer Folge bereiten sich die Studierenden in kleinen themenhomogenen Gruppen (Gruppenpuzzle) oder einzeln auf eine Verhandlungsrunde vor, in der sie in ihrer Rolle mit einem anderen Rollenträger verhandeln (Rollenspiel). So behandelt z.B. eine Gruppe den Antrag über eine Drehgenehmigung auf dem Naschmarkt aus Sicht des Produzenten, während eine andere die für eine Drehgenehmigung zuständige Institution spielt. Diese Verhandlungsrunden werden von allen anderen Studierenden beobachtet und vom Lehrveranstaltungsleiter supervisiert. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die selbst und in der Gruppe recherchierte juristische Argumentation gelegt. Die nicht an einer Verhandlung teilnehmenden Studierenden dienen als Feedbackgruppe, welche nach einer Verhandlungsrunde die Chance haben, ihre Beobachtung mitzuteilen (Peer-Feedback), wobei auch hier wieder die juristische Argumentation im Vordergrund steht. Der Ausgangsfall wird während der LV sukzessive ausgebaut und bietet die Möglichkeit flexibel zu reagieren. Besondere Aspekte können je nach vom Lehrveranstaltungsleiter beobachtetem Wissenstand verstärkt oder abgeschwächt werden. Das hohe Maß an Interaktion fordert eine ständige Auseinandersetzung mit den relevanten rechtlichen Rahmenbedingung und gibt dem Vortragenden die Möglichkeit, den Lernerfolg ständig zu messen und die korrespondierende Wissensvermittlung nahezu in Echtzeit anzupassen.

Mehrwert

Der in der LV genutzte Methodenmix scheint bislang einzigartig in der juristischen Lehre, weißt einen sehr hohen Innovationsgehalt auf und beinhaltet Potential für weitere Entwicklungsmöglichkeiten. Vorrangig wird vom Lehrveranstaltungsleiter das Gruppenpuzzle optimiert, da hier nach erster Evaluation das meiste Verbesserungspotential zu verorten ist.

Profitierende

  • Studierende
  • Lehrende

Aufwand

Zeit, Vorbereitung, Story-Erstellung, hoher Grad an Aufmerksamkeit im Rollenspiel notwendig

ÖH-Ansprechpartner/in

OEH@fh-vie.ac.at

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2015 nominiert.