Wandel im Bereich der Didaktik: Lernen aus emotionaler Erfahrung

Umgesetztes Projekt

Ziele

Wissenstransfer unter Einbeziehung von Emotionen/Theorie-Praxis-Verknüpfung/Lehrplan des Studiengangs Arbeitsgestaltung und HR-Management

Kurzzusammenfassung

Wie kann man die Lehre möglichst so gestalten, dass unsere Student/inn/en „Europa-Fit“ gemacht werden? Wie kann man Wissen einer Praxisgemeinschaft zur Verfügung stellen? Und wie kann ein Dialog in Bezug auf Wissen und Erfahrung überhaupt sinnvoll organisiert werden? An der FH des bfi Wien bzw. „University of Applied Scienes“, wie sie im Englischen so treffend heißt, setzen sich ForscherInnen, die sich mit sich wandelnden didaktischen Methoden befassen u.a. auch mit diesen wichtigen Fragen auseinander.

Die Lehrveranstaltung mit dem vielversprechenden Titel „Change Management“ im vierten Semester des Studiengangs AGHR ist eine kreative Weiterentwicklung auf Basis der in den 1970er Jahren in Deutschland entstandenen „Organisationsentwicklung“ (OE). Als umgangssprachlicher Sammelbegriff umfasst „Change Management“ alles, was an Veränderung in Organisationen praktiziert wird. Auf wissenschaftlicher Ebene lässt sich auch die sogenannte Interventionsforschung zu diesem Bereichen zählen. Als eine Form der „Gruppendynamik“ geht es dieser grundsätzlich darum, Gruppenintervention und Gesellschaftskritik zu üben. Sie erforscht das „Hier-und-Jetzt“ zwischenmenschlicher Interaktion als Quelle für Erkenntnis und Bildung.
Während z.B. die naturwissenschaftliche Forschung das „verlässlich Wiederholbare“ sucht, arbeitet die Interventionsforschung am „gemeinsamen Bewusstsein“ und am „gegenseitigen Meinungsaustausch“ einer beforschten Gruppe. Die Grundidee ist, dass erst durch gemeinsames Bewusstsein verantwortungsvolle Entscheidungen in Gruppen möglich sind.

Nähere Beschreibung

Von der Theorie zur Praxis
Das Konzept der Lehrveranstaltung beruht auf einer „erfahrungsbasierten Kommunikation“ zwischen den StudentInnen und den LektorInnen, wobei letztere die Steuerung übernehmen.
Die Relevanz erfahrungsbasierter Kommunikation entspringt der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass
• durch die Integration von Emotionen während des Lernprozesses
und
• durch speziellen Einsatz und Reflexion von Organisations- und Gruppendynamik
einerseits ein nachhaltiges Lernergebnis und andererseits eine Entlastung der Lernenden erzielt werden kann.
Im Rahmen der Lehrveranstaltung sollen die StudentInnen nun eigene konkrete Erlebnisse im Kontext ihres Bachelorstudiums bearbeiten. Dies geschieht, indem sie in Gruppen basierend auf eigenen Erfahrungen eine theatralische Aufführung ausarbeiten und darstellen. Nebenbei haben sie die Aufgabe, eine individuelle Reflexion der während der Lehrveranstaltung gewonnenen Erlebnisse und Erkenntnisse anzufertigen. Diese Reflexion stellt, neben den theatralen Aufführungen, eine lernergebnisorientierte Prüfung dar und fließt in die Leistungsbeurteilung mit ein.

Und was verändert sich?
Das Lernergebnis besteht darin, dass alle Beteiligten ein erhöhtes Bewusstsein in Bezug auf Organisationen und Gruppen sowie auch in Bezug auf die eigene Rolle in diesen erlangen. Durch die Prozessorientierung im Change Management ist es innerhalb der Lehrveranstaltung möglich, konkrete Erfahrungen von StudentInnen in den Lehr- bzw. Lernprozess aufzunehmen und so tatsächlich die StudentInnen in den Mittelpunkt zu rücken. In Bezug auf ihre eigene Rolle erfahren die StudentInnen ein erweitertes Bewusstsein
• über das eigene Selbst und damit verbundene Stärken und Schwächen (Persönlichkeitsentwicklung);
• über die eigene Rolle innerhalb einer Organisation und damit verbundene Kompetenzen und Restriktionen. Dies verhilft insbesondere berufsbegleitend Studierenden auch die jeweilige eigene berufliche Situation zu reflektieren:
• über die Rollen anderer Personen und damit verbundene Kompetenzen und Restriktionen (Persönlichkeitsentwicklung).
Ein besonderer Wert wird darauf gelegt, dass sich bei den StudentInnen ein Transfer von theoretischem Wissen und wissenschaftlichen Theorien in die jeweilige Berufs- und Lebenspraxis vollzieht. So kann eine realistische Einschätzung eigener Möglichkeiten und Grenzen innerhalb der jeweiligen Berufstätigkeit z.B. ein Burnout verhindern (siehe dazu Ratheiser/Menschik-Bendele/Krainz/Burger 2011: Burnout und Prävention).

Anmerkungen zur Interventionsforschung
Die Interventionsforschung ist ein qualitatives Verfahren, das menschliche Wahrnehmung und Dialoge für den Erkenntnisgewinn nützt. Die Daten für die Forschung werden aus den teilnehmenden Beobachtungen der ForscherInnen (in diesem Fall des LektorInnen-Teams Mag.a(FH) Ina Pircher und Dr. Roland Schuster) und darauf folgenden Verarbeitungssitzungen gewonnen. Bereits während der Durchführung der Forschung sind die Betroffenen (StudentInnen und LektorInnen) in einen emotionalen Erfahrungsprozess eingebunden, der durch moderierte Reflexion dem Bewusstsein zugänglich gemacht wird. Diese moderierte Reflexion erfordert zwar einen gewissen Zeitaufwand, beinhaltet dafür aber das Lernen aller Beteiligten aus der direkten emotionalen Erfahrung. Dieses direkte Lernen - in diesem Fall insbesondere der ForscherInnen - ist damit die Basis des Interventionsforschungsprozesses. Für eine Weiterentwicklung des Forschungsprozesses ist es wichtig, die gewonnenen konkreten Erkenntnisse zu verallgemeinern und z.B. über eine Publizierung zur Diskussion zu stellen. Das hier kurz umrissene Forschungs- und Lehrdesign ist in Heft 19 der Schriftenreihe „Wirtschaft & Management“ erschienen. (http://www.fh-vie.ac.at/ Forschung/Publikationen/Schriftenreihe) Das LektorInnen-Team ist besonders stolz darauf, es mit dem hier vorgestellten Forschungs- und Lehrveranstaltungsdesign beim diesjährigen „ars docendi“ (Staatspreis für exzellente Lehre an Fachhochschulen und Privatuniversitäten Österreichs) auf die „short list“ geschafft und damit den zweiten Platz in der Kategorie „Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften“ erlangt zu haben.
Weitere wissenschaftlich aufgearbeitete Fallbeispiele finden sich unter:
http://www.fh-vie.ac.at/Forschung/Publikationen/Workingpapers/Aus-der-Praxis-fuer-die-Praxis
http://www.fh-vie.ac.at/Forschung/Publikationen/Workingpapers/Aus-der-Praxis-fuer-die-Praxis-Didaktik-Best-Practice-aus-dem-Studiengang-TVM

Mehrwert

Transfer von theoretischem Wissen und wissenschaftlichen Theorien in die jeweilige Berufs- und Lebenspraxis der Student/innen, emotionale Entlastung der Student/innen, Verbesserung der Zusammenarbeit aller am System der Lehre der Fachhochschule beteiligt sind (Student/innen, KoordinatorInnen, StudiengangsleiterInnen, Lektor/innen)

Profitierende

  • Studierende
  • Lehrende