Supply Chain Simulation – Integriertes Planspiel und Managementsimulation

Umgesetztes Projekt

Ziele

In dieser Lehrveranstaltung sollen Studierende in einem semirealistischen Umfeld ein Unternehmen führen. Dazu werden mehrere Unternehmen (Gruppen bestehend aus jeweils sechs Studierenden) gegründet, die am Markt in einem Wettbewerbsverhältnis zueinanderstehen. Die Ziele dieser Lehrveranstaltung sind vielfältig und interdisziplinär.

Neben einem Verständnis für Marktdynamiken, Volatilität der Lieferketten und Unternehmen als holistische und integrierte Systeme, erlernen die Studierenden prozessorientiertes Denken, Methoden der Prozessoptimierung und die Implementierung von Standards, unterschiedliche Logistikprozesse und Supply Chain Management-Ansätze als auch eine cross-funktionale Denkweise innerhalb des Unternehmens.

Kurzzusammenfassung

Die Lehrveranstaltung „Supply Chain Simulation“ beinhaltet eine neuartige Lehrmethode zur Förderung von fächerübergreifenden Kompetenzen und Verknüpfung von Theorie und Praxis. In einem semirealistischen Umfeld soll in drei Phasen ein fiktives Unternehmen strategisch geplant und mittels Computer-Simulation durch mehrere Perioden geführt, sowie in der letzten Phase die Wirtschaftsergebnisse vor einem Aufsichtsratsgremium präsentiert werden. Somit können bisher erlernte Inhalte aus der Theorie auf Basis von Restriktionen und Vorgaben des Unternehmens angewandt und deren Auswirkungen simuliert werden. Die Gruppen stehen im Wettbewerb zueinander und müssen durch zielgerichtete Maßnahmen im Supply Chain Management ihr Unternehmen erfolgreich am Markt etablieren. Dazu erfordert es fachliche Kompetenz, um wirtschaftliche Zusammenhänge bereits in einer frühen Phase zu verstehen, aber auch professionelles Auftreten, um in der Gruppe Entscheidungsprozesse unter Zeitdruck voranzutreiben und richtige Entscheidungen zu treffen. Nach Durchführung der zweitägigen Simulation erfolgt ein Board Meeting, in welchem die Ergebnisse des Unternehmens präsentiert werden. Die Studierenden müssen ihre professionell aufbereiteten Ergebnisse unter kritischer Betrachtung des Aufsichtsrats argumentieren und werden auf Basis mehrerer Kriterien bewertet. Die Teilnehmer/innen der Lehrveranstaltung erhalten ein Zertifikat für die erfolgreiche Teilnahme an der Lehrveranstaltung.

Summary

The course „Supply Chain Simulation“ is based on an innovative teaching method to foster interdisciplinary competences and the combination of theory and practise. Within a semi realistic environment, students have to steer strategically their company through six fiscal periods and present the company results in front of the board. Thus content they have learned in previous courses can be applied practically in consideration of restrictions and specifications of the fictive company in order to simulate and experience the effects of the decisions taken. The groups of students are in competition and have to establish their companies by making goal-oriented measures in Supply Chain Management. Therefore, it is necessary to show business-related competences to recognize economic correlations in advance, but also professional appearance, to drive team-based decisions in groups within pressure of time. After a two-days simulation the groups have to present their results in front of the board. Therefore, content have to be prepared professionally and be argued in front of the critical board members. Each group member is evaluated based on several criteria. For a successful participation, the students receive a certification of the Institute of Industrial Management.

Nähere Beschreibung

Die Lehrveranstaltung „Supply Chain Simulation“ befindet sich im dritten Semester des Mastercurriculums und bildet ein Highlight in der Vertiefung „Supply Chain Engineering“. Studierende werden zu Managern/-innen von Unternehmen und stehen dabei in einer Wettbewerbssituation zueinander. Die Lehrveranstaltung wird grundsätzlich in drei Phasen untergliedert.

 

In der ersten Phase, die im Rahmen der Einführungslehrveranstaltung stattfindet, werden aus den teilnehmenden 30 bis 40 Studierenden Teams zu jeweils fünf Personen gebildet. Die zu vergebenden Funktionen sind jene des/der Vorstandsdirektor/-in (der/die wie auch in vielen Unternehmen oftmals auch die Position des/der Finanzdirektors/-in einnimmt und somit die kaufmännische Verantwortung trägt), Marketing & Vertriebsdirektors/-in, Produktionsleiters/-in, Einkaufsdirektors/-in und des/der Supply Chain und Logistikdirektors/-in. In ihrer Rolle im Managementteam des Unternehmens treffen die Studierenden strategische und operative Entscheidungen, deren Auswirkungen unmittelbar anhand von Kennzahlen (KPIs) und letztlich anhand des Unternehmensgewinns, als auch des Aktienkurses sichtbar werden.

 

Im Rahmen der Einführungslehrveranstaltung bereiten sich die Studierenden auf das zweitägige Simulationsplanspiel vor. Vorrangiges Ziel dabei ist es, eine adäquate Unternehmensstrategie zu definieren, diese schriftlich zu dokumentieren und auf die einzelnen Funktionsbereiche herunter zu brechen. Darüber hinaus erstellen die Studierenden die Strukturen und KPIs für das spätere Reporting und verfassen eine Prozessverfahrensanweisung für die Freigabe der Reports, als auch für die Freigabe von Unternehmensentscheidungen nach deren Auswirkungen auf das Unternehmensergebnis. Neben diesen Aktivitäten müssen sich die Teams in das Unternehmen und die Ausgangslage in jedem Bereich vertiefend einlesen und die bestehenden Prozesse und Zusammenhänge verstehen. Anhand dieser Informationen sind die Teams in der Lage, individuelle Steuerungs- und Managementtools zu erstellen und die eigenen Planungsprozesse aufzusetzen. Diese Planungen sind wiederum an die festgelegte strategische Ausrichtung anzupassen. Jedenfalls wird dabei ein beträchtlicher Teil an Vorwissen aus den bisherigen Studieninhalten eines Wirtschaftsingenieurstudiums wie etwa Controlling, strategische Unternehmensführung und Prozessmanagement benötigt. Somit kann das bisher erlernte Wissen aus dem Studium hochgradig praxisbezogen angewendet werden. Ein heterogener Vorwissensstand ist nicht hinderlich, sondern spiegelt die tatsächliche wirtschaftliche Praxis wider. Durch eine gemeinsame Entscheidungsfindung im Planspiel lernen die Studierenden auch voneinander und pushen sich dabei gegenseitig auf ein höheres Niveau. Die beiden Lehrveranstaltungsleiter/-innen stehen in dieser Eingangsphase als Sparring-Partner bereit und geben Hinweise für die weitere Vorgehensweise und machen Vorschläge. Die Entscheidungen treffen allerdings die Studierenden völlig eigenständig und unabhängig. Durch strukturiertes Feedback in verbaler Form und auch anhand der Bewertung der Ergebnisse der ersten Phase können die Studierenden noch vor dem Planspiel Verbesserungen ableiten und in ihre Werkzeuge, Strukturen und Dokumente einarbeiten.

 

Die zweite Phase, das IT-gestützte Managementsimulationsplanspiel findet an zwei Blocktagen etwa drei Wochen nach der Eingangsphase statt. In sechs Perioden (eine Periode entspricht 180 Tagen, also einem betriebswirtschaftlichen Halbjahr) werden unternehmerische Entscheidungen getroffen, Reports verfasst und viele Meetings von Studierenden als Managementteam abgehalten. Die Studierenden werden dabei stark über den Spieltrieb des Menschen motiviert, da am Ende auch ein Unternehmen als Sieger gekürt wird. Die Besonderheit dieses Settings ist neben der fachlichen Herausforderung vor allem der Zeitdruck, unter welchem die Studierenden Entscheidungen treffen müssen. Für jede Periode wird daher eine Abgabefrist/-zeit vorgegeben, zu der die Entscheidungen in Form von Parametern im System übermittelt werden müssen. Bei Abgabeverspätungen drohen Punkteabzüge in der Gesamtbewertung. Die Studierenden bekommen nach der Abgabe und dem Ende jeder Periode ihre Periodenergebnisse im sogenannten „Communication-Center“ von den Spielleitern/-innen mitgeteilt und werden sowohl fachlich, als auch vom Entscheidungsfindungsprozess von den Spielleitern kommentiert. Nach Abschluss der Runde werden bereits die Angaben für die nächste Runde (Economic News) der nachfolgenden Periode, welche die aktuelle Marktentwicklung beschreiben, ausgegeben. Sie dienen als Basis für die Entscheidungs-prozesse der Folgeperiode. Beispiele für Marktentwicklungen sind neue Märkte und Kundensegmente, Produkte oder Maschinen für die Produktion. Die wirtschaftliche Entwicklung der Gruppen wird von den Vortragenden nach jeder Periode anhand von Kennzahlen (KPIs) visualisiert und verglichen. Die Spielleiter/-innen stehen während den Entscheidungsphasen für Fragen bezüglich der Spielangaben und -parameter zur Verfügung, geben jedoch keine fachlichen Inputs für die Unternehmen, sondern versuchen die Studierenden durch Feedback auf Reports und Unternehmensergebnisse auf ihrem Weg zu begleiten. Die Studierenden sind somit fachlich auf sich selbst gestellt, was eine gewissenhafte Vorbereitung und Professionalität in der Handhabung voraussetzt, welche auch in die Bewertung der Lehrveranstaltung wiederum in Form von Punkten, die hier vergeben werden einfließt. Ziel ist es, das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich im Wettbewerb zu den anderen Teams zu führen und dabei auf die Markt- und Kundenanforderungen einzugehen.

 

Ab der vierten Periode müssen zusätzlich Forecasts erstellt werden. Diese Forecasts beinhalten Kennzahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens und erfordern die Zuhilfenahme von Controlling-Instrumenten wie in etwa der integrierten Budgetierung, der Finanzplanung (kurzfristig) und der Planbilanz, damit die Studierenden eine fachlich fundierte Prognose (Forecast) erstellen können. Nach Beendigung der sechsten und damit letzten Periode werden die einzelnen Gruppen/Unternehmen in Punkto erreichter Gewinn, erzielte Marktanteile sowie Aktienkurs miteinander verglichen. Die bei diesem Management-Planspiel entstehende Wettbewerbssituation sorgt bei den Studierenden für ein erhöhtes Engagement, sich mit den anderen Unternehmen zu messen und als Sieger (im Sinne von Gewinn, Marktanteilen und Aktienkurs) aus der Simulation hervorzugehen. Wesentlich ist, dass durch die Fokussierung des Simulationsplanspiels auf Supply Chain relevante Inhalte, insbesondere in der Beschaffung, der Materialbedarfsplanung und -rechnung als auch in der Vertriebslogistik der sogenannte Bull-Whip-Effekt gut herausarbeiten lässt. Es zeigt sich relativ rasch, wenn die Prozesse der Supply Chain nicht aufeinander abgestimmt sind. Sofort entstehen Überbestände, Produktionsstopps oder sogar Verfügbarkeitsprobleme mit Endprodukten bei den Kunden, wenn hier Fehler gemacht werden und diese Prozesse nicht synchronisiert werden.

 

Die dritte Phase besteht aus der Nachbereitung in Form eines Managementberichts über alle Perioden und eine Abschlusspräsentation (Prüfung) in Form eines Board Meetings. Dabei präsentieren die Studierenden ihre Periodenergebnisse aus allen funktionalen Sichten und auch als Management Summary. Allerdings ist es nicht nur eine reine Präsentation, sondern auch wesentlich von den kritischen Fragen der LV-Leiter/-innen geprägt, die in der Praxis bei Aufsichtsratssitzungen häufig vorkommen. Die daraus entstehenden Diskussionen und das Feedback tragen wesentlich zum Kompetenzerwerb bei. Auch in der Anspannung der Studierenden zeigt sich, dass sie sich in einer neuen Situation befinden und damit erst einmal umgehen lernen. Der Bericht besteht aus einer Zusammenfassung der sechs Perioden, wobei insbesondere auf die grafische Aufbereitung des Reportings und die klare, verständliche und nachvollziehbare Ausformulierung Wert gelegt wird.

 

Ein weiterer wesentlicher Teil des Abschlussberichts bildet das Kapitel „Lessons Learned“, indem Studierende ihren Wissens- und Kompetenzerwerb darlegen, ihr eigenes Vorgehen strukturiert reflektieren und Feedback geben. Die Beurteilung mit einer Maximalpunktezahl von 100 Punkten erfolgt folgendermaßen: 30P für Zwischenberichte (Qualität und Inhalt gemessen an der erstellten Verfahrensanweisung für Reports, Reportstruktur und Business Strategy), weitere 20P für Managementprofessionalität mit den Subkriterien Engagement und Teamfähigkeit im Spiel [12P] und Forecast-Qualität ab Periode 4 [8P],weitere 20P für den Abschlussbericht in schriftlicher Form und in englischer Sprache, davon 5P für formale Kriterien und 15P für den Inhalt (insbesondere Nach-vollziehbarkeit, Aufbereitung des Reportings und Lessons Learned), 30P für das Board Meeting, davon 15P als Gruppenwert mit den Kriterien Inhalt (5P), Form (5P), Beantwortung der Fragen (5P) und 15P als Einzelwert für die Prägnanz des Vortrags und der Inhalte (10P) und Art des Vortrags (5P). Bei dieser Lehrveranstaltung ist darüber hinaus keine schriftliche Klausur vorgesehen.

Mehrwert

Die Lehrveranstaltung ermöglicht es den Studierenden, das bisher erlernte Wissen, unterschiedliche Methoden und Tools selbstständig im Rahmen einer Managementsimulation anzuwenden. Zudem lernen sie komplexe Zusammenhänge in- und außerhalb eines Unternehmen im Wettbewerb kennen. Die Nachbereitung in Form eines Managementreports und eines Board Meetings vor einem fiktiven Aufsichtsratsgremium soll zudem das Erstellen von Managementpräsentationen als auch den Vortragsstil in Stresssituationen fördern. Insbesondere ergibt sich für die Studierenden ein Kompetenzerwerb im fachlichen, im methodischen und sozialen Bereich. Fachliche Kompetenzen umfassen die Verknüpfung des logistischen und betriebswirtschaftlichen Handlungswissens, die strategische und operative Optimierung der Supply-Chain, die Bilanzanalyse / Informationen des internen und externen Rechnungswesens sowie die strategische Planung und Grundlagen der Investitionsrechnung. Methodisch werden die Bewältigung komplexer und vernetzter Probleme trainiert als auch problemadäquate Organisations- und Arbeitsformen entwickelt und erprobt. Im Bereich der sozialen Kompetenzen werden Leadership, Teamfähigkeit und Verantwortungsübernahme sowie ziel- und ergebnisorientierte Kommunikation geschärft.

Ist das Konzept auf andere Lehrveranstaltungen bzw. Lehrsituationen übertragbar? Wird das Konzept längerfristig eingesetzt und weiterentwickelt?

Das Konzept der Managementsimulation ist auch auf andere Lehrveranstaltungen übertragbar und kann je nach Themengebiet spezifisch angepasst werden. Die Lehrveranstaltung unterliegt einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess und Anpassungen, um eine möglichst realitätsnahe Durchführung zu gewährleisten.

Ist die Akzeptanz des Projekts gegeben? Welche Evidenzen (z.B. Evaluierungsergebnisse) gibt es hierfür?

Die Akzeptanz und die Zufriedenheit der Studierenden wurden dreifach eruiert. Das erfolgt über verbales Feedback der Studierenden (persönliches Feedback) nach Beendigung der Lehrveranstaltung, im Rahmen des Evaluierungsprozesses der FH JOANNEUM in einem Online-Portal (anonymisiert) und im Rahmen der Managementreports unter dem Kapitel „Lessons Learned“. Für Letzteres wird eine Struktur vorgegeben (Executive Summary, Business Developement in den einzelnen Bereichen, Summary & Prospects, Lessons Learned). Jeder/s der Teammitglieder muss dazu 1 bis 2 Seiten strukturierte Lernerfahrung verfassen.

Aufwand

Die Lehrveranstaltung ist aufgrund ihrer Komplexität und realitätsnahen Umsetzung vor allem in der Vor- als auch Nachbereitung mit erheblichem Mehraufwand verbunden. Dazu müssen für die einzelnen Gruppen Unterlagen vorbereitet werden und im Rahmen der Einführungslehrveranstaltung Feedback auf die Reporttemplates, strategische Positionierung und Ausrichtung sowie auf die Unterschriftenregelungen gegeben werden. In der Nachbereitung und der Abschlussprüfung in Form der Aufsichtsratssitzung müssen muss die Performance der einzelnen Studierenden nach unterschiedlichen Kriterien (fachlich und inhaltlich sowie Professionalität) bewertet werden. Dazu werden die Ergebnisse aus der Simulation, das persönliche Auftreten und der Endbericht herangezogen.

Positionierung des Lehrangebots

Die Lehrveranstaltung „Supply Chain Simulation“ des Instituts Industrial Management/Industriewirtschaft wird in zwei unterschiedlichen Studien-/Lehrgängen angeboten. Einerseits im Rahmen des Masterstudiengangs (Vollzeit und Berufsbegleitend) „International Industrial Management“ in der Vertiefung „Supply Chain Engineering“, andererseits im postgradualen Masterlehrgang (Berufsbegleitend) „International Supply Management“. Die Lehrveranstaltung wird jeweils im dritten Semester durchgeführt, wodurch die Studierenden der beiden Studiengänge gemeinsam an dieser LV teilnehmen. Es entsteht eine heterogene Studierendenschaft, die zu diesem Zeitpunkt bereits in den verschiedensten Bereichen und Branchen tätig ist und über unterschiedliches Vorwissen verfügt. Da die Lehrveranstaltung in englischer Sprache abgehalten wird, können auch Incoming-Studierende von ausländischen Universitäten an dieser LV teilnehmen. Dies wird häufig von Studierenden der Universität Udine in Anspruch genommen.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.