Lesson Study – Kollaborative Unterrichtsentwicklung und Lernforschung

Umgesetztes Projekt

Ziele

Lesson Study ist eine Form der kollaborativen Unterrichtsentwicklung und Praxisforschung deren Ursprung in japanischen Primarschulen zu finden ist, wo sie „jugyo kenkyu“ genannt wird. Im Zentrum jeder Lesson Study steht das Lernen, welches durch die Kooperation eines Teams von Lehrenden möglichst effektiv gefördert werden soll. Indem Lesson Study das Augenmerk auf das Lernen legt, wird sie zur Forschung für das Lernen und gleichzeitig zum natürlichen Bestandteil einer förderlichen Lernumgebung. Keine andere Methode der Unterrichtsentwicklung oder der Forschung ist so nahe am Unterrichtsgeschehen und so intensiv und direkt am Unterrichtsergebnis — dem Lernen — angelegt (Mewald, 2019).

Die Pädagogische Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) setzt Lesson Study daher in allen pädagogischen Bereichen zielgerichtet ein: In der Erstausbildung wird Lesson Study in den Schulpraktischen Studien als Methode der kollaborativen Unterrichtsentwicklung grundgelegt. In den Fachwissenschaften und in didaktischen Lehrveranstaltungen initiieren Lehrende Lesson Studies mit dem Ziel, pädagogisches Inhaltswissen in Verbindung mit theoriegeleiteten sowie unterrichtspraktischen Aspekten zu entwickeln. Lesson Study steht im Zentrum von Arbeitsgemeinschaften, die im Masterstudium eine vermehrt forschungsbasierte Praxis in Verbindung mit theoriegeleiteten Seminaren zum Ziel haben. Die Präsentation von Masterarbeiten auf der Basis von Lesson Studies im Posterformat zielt darauf ab, erste Publikationsmöglichkeiten für Studierende im Rahmen des institutionellen Journals „R&E Source“ (https://journal.ph-noe.ac.at/index.php/resource) zu schaffen und die Dissemination von Lesson Studies durch Lehrkräfte zu fördern. In der Transition vom Studium in die Berufswelt wird Lesson Study durch Mentoring im Berufseinstieg zielgerichtet eingesetzt. In der Fort- und Weiterbildung werden durch die Projekte „Lernen mit Wissenspartnern“, „Mathematische Grundhaltung von Kindergartenpädagoginnen und Kindergartenpädagogen“ und „Lesson Study: Musik/pädagogik im Dialog“ kollaborative Professionalisierungsmöglichkeiten angeboten.

Grundlegend für alle Bereiche und als Ausgangslage gelten die Curricula der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, welche die kohärente und kompetenzorientierte Entwicklung von Professionalität, fachlicher und methodisch-didaktischer Kompetenz, Kollegialität, Reflexivität und Diversität durch Lesson Study zum Ziel haben.

Kurzzusammenfassung

Lehrkräfte planen, beobachten und reflektieren Unterricht. Sie erfreuen sich ebenso oft an Lernerfolgen wie sie daran zweifeln. Wo Ungewissheit und Neugierde ihren Ursprung haben, beginnen jedoch Entwicklung und Innovation. Die Entwicklung von Diskursfähigkeit, persönlicher Kompetenz und Kollegialität ist Ziel kollaborativer Konzepte der Lehre an der PH NÖ. Kooperative Lehr- und Arbeitsformen bestimmen die Konzeption und Durchführung der Lehre in allen Bereichen. Lesson Study gewinnt dabei seit 2010 an Bedeutung. Sie bietet durch die Kooperation zwischen Lehrpersonen und Wissenspartnern eine Plattform für professionelles Planen, Agieren und Reflektieren in einer zunehmend komplexen Bildungslandschaft.

Ausgehend von Fachbereichen entwickelt die PH NÖ Expertise durch Lesson Study in transdisziplinären Projekten: Die Entwicklung der DVD Englisch 8 fokussiert die Implementierung der Bildungsstandards in der Sekundarstufe, Lesson Study zum prozesshaften Schreiben mit Peer-Feedback beschäftigt sich mit pädagogischem Inhaltswissen im tertiären Bereich, Lesson Study sichert die Qualität von mehrsprachigen Lernprozessen und -materialien auf einer interaktiven Lernplattform (www.palm-edu.eu), in der Kulturpädagogik fördert Lesson Study kollaboratives Lernen, im Sport liefert sie Erkenntnisse zu koordinativen Fähigkeiten, Lehrende und Studierende erforschen die Entwicklung der Gesangsstimme und geschulte Wissenspartner fördern die Professionalität in der Primar- und Elementarpädagogik.

Summary

Teachers plan, observe and reflect on lessons. They enjoy successful learning as often as they question it. However, where uncertainty and curiosity originate, development and innovation begin. The development of discourse skills, personal competence and collegiality is the goal of collaborative concepts of teaching at the PH NÖ. Cooperative forms of teaching and learning determine the conception and implementation of coursework in all areas. Lesson Study has been gaining in importance since 2010. Through cooperation between teachers and knowledge partners, it offers a platform for professional planning, action and reflection in an increasingly complex educational world.

Starting from specialist areas, the PH NÖ develops expertise through Lesson Study in transdisciplinary projects: The development of the DVD English 8 focuses on the implementation of educational standards in secondary education, Lesson Study on process-based writing with peer feedback deals with pedagogical content knowledge in tertiary education, Lesson Study ensures the quality of multilingual learning processes and materials on an interactive learning platform (www.palm-edu.eu), in cultural education Lesson Study promotes collaborative learning, in sports education it provides insights into coordinative skills, teachers and students research the development of the singing voice, and trained knowledge partners promote professionalism in primary and elementary education.

Nähere Beschreibung

Die Pädagogische Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) kommt durch die Implementierung von Lesson Study ihrem Auftrag nach, den Studierenden eine hochwertige Aus-, Fort- und Weiterbildung und die dafür grundlegenden Forschungsaktivitäten zu ermöglichen. Lesson Study ist praxisnah und sie schafft Möglichkeiten für forschungsgeleitete Lehre zum Nutzen der Kinder und Jugendlichen, die von den zukünftigen und aktiven Lehrkräften unterrichtet werden (vgl. www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/fpp/ph.html).

 

Als kooperative Lehr- und Arbeitsform wird Lesson Study auf vier Ebenen wirksam:

 

1. In der Kooperation bei der Planung von Forschungsstunden

 

Teams planen in meist interdisziplinären Projekten Forschungsstunden und legen vorab definierte Lernziele kollaborativ fest. Dabei beschreibt das Team die antizipierten Lernergebnisse im Hinblick auf curriculare Vorgaben, das unterschiedliche Vorwissen der Studierenden bzw. Schüler/innen sowie auf deren Lern- bzw. Studienbedingungen. Außerdem legt das Team Kriterien für die Bewertung der Ergebnisse fest.

Lesson Study Teams bestehen aus jeweils zwei bis vier Lehrpersonen, die von Wissenspartnern (vgl. „knowledgeable others“, Takahashi, 2013) dabei unterstützt werden, die Grundlegung der Lernziele in ein nachvollziehbares und kompetenzorientiertes Konzept auf der Basis einer Lerntheorie einzubetten. Wissenspartner können dem Kollegium der Hochschule, den Partnerinstitutionen im Verbund oder nationalen & internationalen Partnerinstitutionen entstammen oder externe Expertinnen/Experten sein. Sie nehmen den verschiedenen Kontexten und Lernzielen entsprechend unterschiedliche Rollen ein und agieren als gleichwertige sowie gleichberechtigte Partner in der kollaborativen Planung (Mewald, 2020). In der Zusammenarbeit mit Studierenden ist diese Kooperation auf Augenhöhe wichtig, um einen völlig offenen Dialog zur Planung von Lernprozessen zu ermöglichen.

 

2. In der Kooperation in der Lehre und durch kollegiale Hospitation

 

Eine Lehrperson führt die kollaborativ geplante Forschungsstunde oder -sequenz durch und das Team sammelt durch kollegiale Hospitation Informationen über das Lernen. Dabei kommen auf die antizipierten Lernziele abgestimmte und kooperativ entwickelte Beobachtungsinstrumente zum Einsatz. Dem qualitativen Forschungsparadigma entsprechend ist Lesson Study jedoch auch offen für ungeplante Beobachtungen, vor allem wenn sie Erkenntnisse im Hinblick auf Barrieren im Lernprozess betreffen.

In der Beobachtung der Fernlehre, insbesondere in virtuellen Lernumgebungen, orientieren sich Beobachter/innen oft an kriterienorientierten Kompetenzbeschreibungen, welche auch Grundlage für Peer-Feedback sind (Mewald, 2016).

 

3. In der Kooperation mit den Lernenden durch den Austausch über ihre Lernerfahrungen

 

Möglichst zeitnah nach oder während des Lernens werden mit den Lernenden Interviews oder Think-Aloud Gespräche geführt, um ihre Lernerfahrungen kennenzulernen und sie aktiv an ihrem individuellen Kompetenzerwerb zu beteiligen. Diese Kooperation sowie die Wertschätzung der „Stimmen der Lernenden“ sind wesentlicher Bestandteil von Lesson Study. Kooperation legt den partizipativen Charakter dieser Lehr- und Arbeitsform dar und ist auch ein Bestandteil des hohen forschungsethischen Anspruchs von Lesson Study.

 

4. Im kollaborativen Diskurs zur Reflexion und Analyse

 

In gemeinsamen Reflexionen über antizipierte, beobachtete und erlebte Lernprozesse sowie erzielte Lernergebnisse werden im Team die Daten aus Beobachtungen und Interviews trianguliert und eine neue Variation der Forschungsstunde entwickelt, die nunmehr verbesserte Chancen für erfolgreiches Lernen ermöglichen und überprüfen soll (Marton & Tsui, 2004; Marton, 2015).

 

Dieser Zyklus wird mindestens ein zweites Mal wiederholt, um schlüssige Erkenntnisse über erfolgreiches Lernen gewinnen zu können.

Eine grafische Darstellung dazu findet sich unter: www.ph-noe.ac.at/de/lessonstudy.html

 

Studierende der PH NÖ erleben Lesson Study sowohl als Lernende als auch als Lehrpersonen. Dieser Aspekt der bewussten Transition intendiert, eine Verbindung von Theorie und praktischer Anwendung des Gelernten zu schaffen, d.h. die Lehre zeigt gezielt Bezüge zwischen wissenschaftlichen Theorien und Methoden und der Berufs- und Lebenspraxis auf, indem Studierende ihre eigenen Lernprozesse zu bildungswissenschaftlichen, fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Konzepten aus unterschiedlichen Modulen auf ihre praktischen Berufserfahrungen übertragen und deren Wirksamkeit auf das Lernen der Schüler/innen überprüfen. So kommt Lesson Study dort an, wo sie letztlich wirksam werden soll und wo auch das Aufgabenfeld der Pädagogischen Hochschulen liegt: in den Schulen und bei den Lernenden.

 

Lesson Study wird an der PH NÖ als kollaborative Lern- und Unterrichtsforschung in drei Bereichen dazu eingesetzt, das Lernen von Studierenden, Lehrkräften und/oder Schülerinnen/Schülern möglichst effektiv zu fördern.

 

1. In der Ausbildung

 

Lesson Study ist in den Modulen der Pädagogisch-praktischen Studien im Bachelor und Masterstudium Primarstufe curricular verankert. Die Studierenden planen, implementieren und reflektieren in Arbeitsgemeinschaften kollaborativ mit Lehrenden und Mentorinnen/Mentoren Forschungsstunden, welche die praktische Umsetzung von theoretischem Wissen in Verbindung mit konkreten Lernbedürfnissen von Schülerinnen/Schülern fokussieren (Koschmieder, Wistermayer, Höflich, & Prieler, 2019). Die Lehrenden und Mentorinnen/Mentoren unterstützen als Wissenspartner den Transfer von theoretischen Konzepten in die praktische Anwendung. Ziel dieser kooperativen Teamarbeit ist, dass das beobachtbare Lernen der Schüler/innen sowie deren Lernerfahrungen ebenso in die Variation der Forschungsstunden einfließen wie der intendierte Kompetenzerwerb der Studierenden.

„Indem Lesson Study das Augenmerk auf das Lernen legt, wird sie zur Forschung für das Lernen und gleichzeitig zum natürlichen Bestandteil einer förderlichen Lernumgebung. Kein anderer Forschungsansatz ist so nahe am Unterrichtsgeschehen und so intensiv und direkt am Unterrichtsergebnis, dem Lernen der Schüler/innen, angelegt.“ (Mewald, 2019, S.19)

In fachwissenschaftlichen sowie fachdidaktischen Modulen führt Lesson Study vom interdisziplinären Planen zum transdisziplinären Kompetenzaufbau indem, über die Verbindung ihrer fachspezifischen oder -didaktischen Ziele hinaus, alle Lehrenden aktiv einbezogen werden und zusammenarbeiten. Sie entfernen sich dabei aus der Komfortzone des individuellen Arbeitens, indem sie Ideen und Konzepte mit anderen teilen, um diversitätsbewusste Lernerfahrungen zu generieren und diese in die Professionswelt zu transferieren. Ziel dieses fächerübergreifenden Lernens ist es, Wissen auf einer tieferen Ebene zu entwickeln und in komplexen und neuen Kontexten situationsadäquat anwenden zu können.

Im Masterstudium werden Forschungsinteressen der Lesson Studies zunehmend komplexer und führen an Forschungsfragen in Masterarbeiten heran.

An der PH NÖ wurden in den Fachbereichen Bewegung und Sport, Englisch, Mathematik, Mehrsprachigkeit, Musik- und Kulturpädagogik, Gesang sowie in den Praxiselementen der dazugehörigen Schwerpunkte, welche transdisziplinäre Prozesse ermöglichten, Lesson Studies durchgeführt und publiziert (www.ph-noe.ac.at/de/lessonstudy.html).

 

2. In der Weiterbildung

 

Lesson Studies fokussieren in den Hochschullehrgängen mit Masterabschluss (HLG) über die bekannten Aspekte der Lernforschung und dialogischen Reflexivität hinaus auch Elemente der Kollegialität, der Professionalität, der Personal Mastery sowie der Differenzfähigkeit (Schratz, et al., 2008). Die Durchführung und Wirkung von Lesson Study in der Phase des Berufseinstiegs knüpft kohärent an die Studien in der Erstausbildung an und geht z.B. im Hochschullehrgang mit Masterabschluss „Mentoring: Berufseinstieg professionell begleiten“ darauf ein, wie Mentorinnen/Mentoren als Wissenspartner in professionellen Diskursen und zu lernspezifischen Themen mit den Mentees arbeiten. In Zusammenhang mit den etablierten EPIK-Domänen (ibid.) werden Prozesse der kollaborativen Kompetenzentwicklung aufgezeigt und Vorschläge zur Unterrichts- und Professionsentwicklung gemacht.

Die „Stimmen der lernenden Mentees“ werden als wesentlicher Bestandteil im kooperativen Entscheidungsfindungsprozess der Lesson Study Teams weiter gehört und die Forschungsstunden werden an die Lernbedarfe der Mentees und ihrer Schülerinnen/Schüler angenähert. Die Mentorinnen/Mentoren sind so durch ihr Handeln beim Lernen im HLG und ihr Feedback an Mentees über ihr Lernen aktiv am Forschungsprozess beteiligt. Sie profitieren vom Prozess des kollegialen Feedbacks, das sie in professionellen Lerngemeinschaften erhalten, und entwickeln ihre Professionalität auf der Basis ihres Agierens und des kollegialen Dialogs. Alle angehenden Mentorinnen/Mentoren führen im Rahmen ihres Studiums mindestens zwei Lesson Study Zyklen durch und präsentieren sie im HLG.

Lesson Study wird als qualitative Forschungsmethode auch vermehrt für Masterarbeiten herangezogen. Dabei kooperieren mehrere Masterstudierende in Lesson Studies mit jeweils unterschiedlichen Forschungsfragen (z.B. Biswanger, 2019; Eckert & Prenner, 2019).

 

3. In der Fortbildung

 

Die PH NÖ kooperiert im Projekt „Lernen mit Wissenspartnern“ mit der Bildungsdirektion Niederösterreich. In einem curricular verankerten Train the Trainer Lehrgang, bewertet mit ECTS Anrechnungspunkten, wurden Wissenspartner geschult um Lesson Studies in einem Fortbildungskonzept einzusetzen, welches professionelle Lerngemeinschaften bildet. Das Projekt bietet Schulen und Lehrkräften eine in die Arbeit integrierte, selbstgesteuerte, schulübergreifende, schülerzentrierte Methode der Unterrichtsentwicklung mit dem Ziel, das Lernen der Schüler/innen zu optimieren.

Lernen mit Wissenspartnern wird mit Schulen auf kollegialer Basis durchgeführt. Die Schulen wählen ein Interessensgebiet aus den Angeboten der PH NÖ und in Absprache mit der Bildungsdirektion NÖ und legen die Schwerpunkte für ihre Lesson Studies mit den Wissenspartner Teams fest. Auf der Grundlage eines theoretischen und/oder didaktischen Inputs durch die Wissenspartner entwickeln Teams von Lehrkräften ein gemeinsames Konzept für die Implementierung vereinbarter Lernziele. Die Lesson Study Teams werden dabei ein- bis zweimal pro Semester durch Wissenspartner direkt an ihren Schulen unterstützt.

Derzeit gibt es sieben Wissenspartner Teams an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich: Bewegung, Sport und Gesundheit, Digitale Bildung (als potenziell transdisziplinäres Lernfeld), Deutsch, Englisch, Lerntheorien und innovative Methoden, Mathematik sowie Musik & Kulturpädagogik. Ergebnisse aus bereits abgeschlossenen Lesson Studies sind auf der Website abgebildet und exemplarische Forschungsstunden sowie Beobachtungs- und Interviewinstrumente werden dort mit Lehrkräften als Open-Source-Materialien geteilt.

Die PH NÖ kommt mit Lesson Study durch die Veröffentlichung von abgeschlossenen Studien und durch offene Forschungsstunden, welche Lehrkräften als Fortbildungen angeboten werden, auch ihrer Aufgabe nach, Wissen zu mehren und der Gesellschaft verfügbar zu machen.

 

Die Lesson Study@PH NÖ Gruppe teilt zusätzlich zu ihrer Tätigkeit in Aus-, Fort- und Weiterbildung ihre wissenschaftliche und persönliche Weiterentwicklung im Rahmen einer professionsorientierten Forschung bei nationalen und internationalen Konferenzen mit der Öffentlichkeit. Von Mitte April bis Ende Juni 2020 sind in Kooperation mit der World Association of Lesson Studies (https://www.walsnet.org/) acht Webinare mit Lehrenden der PH NÖ für den deutschsprachigen Raum geplant.

Somit bindet die PH NÖ anwendungsorientierte Lesson Study nicht nur in Lehrveranstaltungen und Forschungsprojekte ein; sie bietet Studierenden und aktiven Lehrkräften durch analoge und digitale Angebote zu Lesson Study auch extracurriculare Professionalisierungsangebote, um den aktuellen Herausforderungen des Berufsfeldes kompetent und kooperativ begegnen zu können (vgl. www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/fpp/ph.html).

 

Quellen: www.ph-noe.ac.at/index.php

Mehrwert

Lesson Study zielt darauf ab, das Lernen durch kollaboratives Planen, gezieltes Beobachten, Interviewen und Reflektieren möglichst effektiv zu gestalten. Zusätzlich führt Lesson Study einen umfassenden Prozess im Lernen der Studierenden und Lehrkräfte herbei, indem diese eine mediierte Kollaboration eingehen, die möglichst effektives Lernen für alle zum Ziel hat. Der Mehrwert, der dabei von Lesson Study ausgeht, besteht darin, dass „gute Lehre” nicht die Aktivitäten und Anstrengungen der Lehrenden in den Mittelpunkt stellt, sondern sich am „guten Lernen” orientiert.

Durch die Einbindung von Wissenspartnern mit entsprechender lerntheoretischer und forschungsrelevanter Ausbildung gelingt es in der Zusammenarbeit mit Lehrkräften fachspezifische und methodisch-didaktische Konzepte gezielt in Forschungsstunden einzubringen und diese in Hinblick auf die Lernbedürfnisse der Lernenden situationsadäquat zu modulieren. Kollaborativer Diskurs von Wissenspartnern mit Lehrkräften als gleichwertige Partner/innen, egal über welchen Erfahrungshorizont diese verfügen, ist geprägt von

- offener Diskussion über Versagen, Fehler oder Unsicherheiten in der Forschungsstunde, ohne dabei auf einzelne Lehrkräfte Bezug zu nehmen, sondern um Limitationen in Bezug auf das Lernen der Schüler/innen aufzuzeigen,

- neuen, bildungsrelevanten Werten, welche durch kollegialen Dialog und Reflexion entstehen,

- Wertschätzung kollaborativer Forschung und der Möglichkeit, Erfolge in Schulmeetings, bei Konferenzen oder öffentlichen Forschungsstunden zu präsentieren sowie

- Leadership durch steigendes Selbstbewusstsein der Lehrkräfte und die Auswahl sowie Anpassung erfolgreicher Strategien für Schulentwicklung und Innovation (vgl. Mewald, 2020).

 

Studierende und Lehrkräfte profitieren durch kooperative Prozesse der Lesson Study in der Entwicklung ihrer interpersonellen Fertigkeiten. Vertrauen in die Zusammenarbeit und in dialogisches Problemlösen und Reflektieren wird an Schüler/innen weitergegeben. Die Teilnehmer/innen von Lesson Studies schaffen dadurch partizipative Lernumgebungen, welche volitionale und motivationale Aspekte des kompetenzorientierten Lernansatzes gezielt und nachhaltig fördern.

 

Die erste groß angelegte Lesson Study, die von der PH NÖ in Kooperation mit dem BIFIE, drei Institutionen aus dem tertiären Bildungsbereich sowie sechs Schulen, war die Entwicklung der DVD Englisch für die 8. Schulstufe, welche die Implementierung der Bildungsstandards für Englisch zum Ziel hatte (BIFIE 2014). Der nachhaltige Mehrwert der Videos, Unterrichtsmaterialien, lerntheoretischer Grundlagen und Trainingsmaterialien ist dadurch gegeben, dass durch Lesson Study jene Prozesse, die zum kompetenzorientierten Lernen führen, sichtbar gemacht werden konnten. Neun Forschungsstunden stehen nun für die Fortbildung von Lehrkräften, idealerweise mit Lesson Study, zur Verfügung.

 

Eine Lesson Study zum prozesshaften Schreiben und Peer-Feedback, welche als Kooperation von drei Lehrenden in drei Lehrveranstaltungen als transdisziplinäres Projekt an der PH NÖ durchgeführt wurde, schuf neben dem verbesserten Lernen der Studierenden einen validierten Kriterienkatalog für literarische Analysen sowie eine organisatorische Empfehlung für den Ablauf von prozesshaften Schreibprojekten (Mewald 2016).

 

Die interaktive Plattform PALM (Promoting Authentic Language Acquisition in Multilingual Contexts) zum Sprachenlernen wurde mithilfe von Lesson Study im Rahmen eines ERASMUS+ Projekts entwickelt (www.palm-edu.eu). Der nachhaltige Mehrwert dieser Lesson Study liegt nicht nur in der Verfügbarkeit zahlreicher Open-Source Texte, Videos und Lernmaterialien, die in 8 Sprachen zur Verfügung stehen. Das Projekt PALM hat professionelle Kooperationen gefördert, welche die PH NÖ nachhaltig durch Impulse in der Lehre bereichern. Ganz besonders sei hier die Kooperation mit der Universität Pécs im Bereich der Elementarpädagogik genannt, wo Lesson Study nachhaltig eingesetzt wird.

 

Über mehrere Lesson Studies hinweg wurde an der PH NÖ ein Inventar für die Planung von Forschungsstunden geschaffen. Diese Sammlung von Kriterien für effektive Planung mit dem Fokus auf dem Lernen ist ein Mehrwert dieser Lesson Studies. Mit dem Verschieben des Blicks vom Agieren der Lehrperson hin zur Verfügbarkeit von Lernangeboten in einem Lerndesign ist ein nachhaltiger Impuls für gute Lehre für gutes Lernen geschaffen worden: www.ph-noe.ac.at/fileadmin/root_phnoe/Checklist_for_effective_lesson_design_v6.pdf

 

Ein Lerncamp, welches ein durch Lesson Study entwickeltes Konzept für die Entwicklung der Gesangsstimme nutzt, ist ein nachhaltiges Produkt zum Vorteil der Studierenden, die diese Qualifikation als Grundlage für ihr Studium nachholen wollen (Kreiderits-Farkas, 2019).

 

Für den Trendsport Parkouring wurde im Rahmen einer Lesson Study ein Lehrvideo hergestellt, welches das Lernergebnis der Studierenden im Fachbereich Bewegung und Sport darstellt und nachhaltig als Lernunterlage im Unterricht mit Schülerinnen/Schülern zur Verfügung steht (Neumüller-Reuscher & Buchner, 2019).

 

Wie der Unterricht durch die Einbeziehung von Elementen aus Musik und Musikpädagogik den dialogischen Raum für das Lehren und Lernen an Hochschulen nachhaltig erweitern und verbessern kann, zeigen die Lesson Studies von Hubert Gruber (2019a). Die Ergebnisse werden nachhaltig im Studienschwerpunkt „Kulturpädagogik“ eingesetzt (Gruber 2019b).

 

Insgesamt stellt das Engagement der Lehrenden der PH NÖ für Lesson Study den größten Mehrwert dieses Projekts dar. Ihre Lesson Studies nehmen die zentrale Bedeutung und die Komplexität des Lehrens wahr: sie erwecken Standards, Rahmenbedingungen und „gute Lehre" im Seminarraum wie im Klassenzimmer. Die Lehrenden entwickeln und verfeinern ihre Ideen über „gutes Lernen" durch sorgfältiges, kooperatives Studium des tatsächlichen Unterrichts und des Lernens.

 

Quellen: www.ph-noe.ac.at/index.php

Ist das Konzept auf andere Lehrveranstaltungen bzw. Lehrsituationen übertragbar? Wird das Konzept längerfristig eingesetzt und weiterentwickelt?

Lesson Study kann in allen pädagogischen Bereichen lernförderlich, qualitätssichernd und als Grundlage für evidenzbasierte Entwicklungen eingesetzt werden. Daher wurde das Konzept auch als leitender Ansatz für praxisnahe und forschungsgeleitete Lehre zum Nutzen der Gesellschaft als kohärente und langfristige Maßnahme der kollaborativen Hochschullehre in den Curricula und Entwicklungsplänen der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich verankert.

Ist die Akzeptanz des Projekts gegeben? Welche Evidenzen (z.B. Evaluierungsergebnisse) gibt es hierfür?

Die Lesson Studies der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) sind weit über die Grenzen der kollaborierenden Lesson Study Gruppen und die Hochschule bekannt und anerkannt. Sie werden bei nationalen und internationalen Konferenzen vorgestellt. Dadurch wird regelmäßig externe Expertise durch „Critical Friendship“ in laufende Lesson Study Projekte eingebracht und die Kollaboration der internationalen Lesson Study Community genutzt.

In Projekten mit in- und ausländischen Partnern greifen Lesson Study Teams auf nationale, internationale und diversitätsfördernde Erkenntnisse und Entwicklungen zurück. Solche Kooperationen schaffen neue Perspektiven und fördern das kooperative Lernen von Studierenden und Lehrenden über Institutionen hinweg. So wurden zum Beispiel die Lernangebote auf der interaktiven Plattform PALM (Mewald, 2018; Mewald & Wallner, 2018) kollaborativ erstellt, auf der Basis von Lesson Study qualitätsgesichert und in Kooperation mit internen und externen Expertinnen/Experten evaluiert.

Eine Mitarbeiterin der PH NÖ wurde von der World Association of Lesson Studies (WALS) als Vertreterin für Österreich in den Vorstand gewählt. Diese Position wird nur an Personen vergeben, deren Expertise und Engagement für Lesson Study im Heimatland und darüber hinaus international anerkannt sind.

Die Aktivitäten der Lesson Study Gruppe der PH NÖ werden regelmäßig auf der Homepage der WALS vorgestellt. Viele Lesson Studies der Studierenden und Mitarbeiter/innen der PH NÖ belegen die Wirksamkeit dieses Projekts in Publikationen.

 

Publikationen und Konferenzbeiträge sind auf der Lesson Study Homepage der PH NÖ aufgelistet und beschrieben:

www.ph-noe.ac.at/de/lessonstudy.html

Aufwand

Lesson Study ist integrativer Teil der Ausbildung und Weiterbildung an der PH NÖ; sie ist im Curriculum verankert, wodurch keine zusätzlichen Kosten durch Lesson Study Projekte entstehen. In abgeschlossenen oder laufenden Kollaborationsprojekten mit der Bildungsdirektion NÖ, dem BIFIE, der Europäischen Union oder dem Europarat wurden bzw. werden zusätzliche Kosten über Projektförderungen abgedeckt.

Kosten für Buchpublikationen oder die Teilnahme an nationalen internationalen Konferenzen deckt die PH NÖ nach Maßgabe der Verfügbarkeit über ihr eigenes Budget ab.

Einen zusätzlichen Aufwand stellt die Organisation von Lesson Study dar. Gut funktionierende Lesson Study ist von gut funktionierender Kooperation mit der Administration der PH NÖ und mit den Schulleitungen der Praxisschulen und Partnerschulen abhängig. Im organisatorischen Belangen kann jedoch auf Erfahrungen aus abgeschlossenen Projekten zurückgegriffen werden. Vor allem in der Planung von Lesson Studies im Rahmen der Lehre in der Aus- und Weiterbildung sind evaluierte Abläufe von nutzen (Mewald, 2016).

Positionierung des Lehrangebots

Lesson Study wird an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich als kollaborative Form der Unterrichtsentwicklung und Lernforschung in allen Abschnitten des Bachelor- und Masterstudiums Primarstufe, im Hochschullehrgang mit Masterabschluss „Mentoring: Berufseinstieg professionell begleiten“ sowie in der Fort- und Weiterbildung regelmäßig implementiert.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.